Dieser True-Crime-Roman basiert auf einer wahren Begebenheit und einem der außergewöhnlichsten Gerichtsfälle aus meiner Strafverteidiger-Praxis.

Was, wenn die Wahrheit ein unerträgliches Geheimnis ist? Im dritten und bisher persönlichsten Fall für den Star-Anwalt Tryggvi Marnitz wird er mit einem moralischen Dilemma konfrontiert, das selbst ihn an seine Grenzen bringt.

Alles beginnt mit einem Anstaltsseelsorger, der einem verurteilten Doppelmörder auf dem Sterbebett die letzte Beichte abnimmt. Doch statt um Vergebung zu bitten, gesteht der Mann einen dritten, jahrzehntealten Mord – eine Tat, für die ein anderer mutmaßlich seit fast 25 Jahren im Gefängnis sitzt.

An das unantastbare Beichtgeheimnis gebunden und von seinem Gewissen gequält, wendet sich der Pastor in einem Akt der Verzweiflung an den einzigen Mann, der das Unmögliche wagen könnte: Tryggvi Marnitz.

Für Marnitz beginnt ein zermürbender Kampf gegen das Vergessen und ein System, das seine Fehler längst begraben hat. Er muss einen Fall wieder aufrollen, der juristisch wasserdicht scheint, und einen Mann verteidigen, der die Freiheit mehr fürchtet als die lebenslange Haft. Diese Geschichte, sie gräbt tiefer als je zuvor – in die Abgründe der Justiz und die zerreißende Frage, was Gerechtigkeit wirklich bedeutet, wenn ein unschuldiges Leben gegen einen heiligen Eid steht.



Leseprobe

 

Kapitel 1
Schatten der Vergebung

 

Norbert Fießler liegt an Schläuchen hängend im Haftkrankenhaus der Justizvollzugsanstalt. Die Luft riecht steril nach Desinfektionsmitteln und dem fahlen Duft des Todes, der sich wie ein unsichtbarer Schleier über das Zimmer legt. Er ist 1960 geboren, 47 Jahre alt, doch sein Körper ist der eines viel älteren Mannes, gezeichnet von den perspektivlosen Jahren hinter Gittern und nun von einer Krankheit, die keine Gnade kennt. Bauchspeicheldrüsenkrebs, letztes Stadium, unheilbar. Die Ärzte sagen, er wird sterben. Vielleicht heute Nacht. Vielleicht morgen früh. Vielleicht erst in ein paar Tagen. Aber er wird sterben. Die Zeit ist ein Sandkorn, das durch seine Finger rinnt, unaufhaltsam, gnadenlos. Seine Uhr ist abgelaufen.

Fießlers Blick ist starr auf die blasse Decke gerichtet. Diese zeigt Flecken und Risse. Er hat sie in den vergangenen Wochen auswendig gelernt. Seit dem Tag, an dem der Arzt ihm nach der erfolglosen Operation sagte, dass man nichts mehr für ihn tun könnte. Jeder einzelne Makel ist ihm vertraut, stumme Zeugen seiner letzten Tage. Schmerzen sind ein ständiger Begleiter, glühende Dorne in seinem Inneren, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen, die jede Faser seines Körpers durchdringen. Die Ärzte lindern sie. Doch die starken Medikamente sind ein zweischneidiges Schwert. Sie verschleiern seine Sinne, ziehen ihn in einen Nebel aus fragmentarischen Erinnerungen und wirren Fantasien, in dem die Realität verschwimmt, sich auflöst und neu zusammensetzt.

Er spürt einen Drang, einen letzten Funken Willen, der ihn dazu bringt, die Schwester, die gerade den Infusionsbeutel wechselt, mit heiserer Stimme anzusprechen. Seine Lippen sind trocken, spröde. „Schwester… bitte… rufen Sie den Pastor.“ Die Worte sind kaum mehr als ein Krächzen, doch in ihnen wohnt eine unerwartete Dringlichkeit.

Die Schwester, eine junge Frau mit erschöpften Augen, nickt überrascht. Sie kennt Fießler nur aus den Gesprächen der Schwestern und der Wärter, kennt ihn als einen berüchtigten Doppelmörder, als brutalen Schlächter zweier Frauen. „Den Anstaltspastor? Sind Sie sicher, Herr Fießler? Sie haben noch nie…“

Fießler murmelt ein unklares Ja. Die Worte sind schwer, formen sich kaum auf seiner Zunge. Er kann sich nicht erinnern, warum er einen Geistlichen sprechen will, nur dass er es muss. Die Schwester zögert kurz, dann geht sie.

Ein ungewöhnlicher Wunsch von einem Mann, der in seinem Leben nie einen Gottesdienst besucht hat, in den Monaten seines Hierseins nie ein Wort über Glauben oder das Leben nach dem Tod verloren hat, dessen Existenz hinter diesen stacheldrahtgekrönten Mauern so gottlos schien.


 

Pastor Johannes Breiter sitzt in seinem kleinen Büro, die Bibel aufgeschlagen, aber seine Gedanken schwei­­fen ab. Er ist ein Mann des Glaubens, ein Mann Gottes, oder sollte es zumindest sein. Doch mit den Jahren inmitten des menschlichen Elends, der Schuld und der Verzweiflung, hat sein Glaube Risse bekommen. Die Geschichten, die er hört, die Abgründe, in die er blickt, haben seine Überzeugungen von der Barmherzigkeit Gottes erschüttert. Gott existiert für ihn nicht mehr in der Form, wie er es einst gelernt, wie er es einst gelebt hat. Gott ist für ihn mittlerweile ein eher ferner Gedanke, eine vage Hoffnung, die er den Gefangenen geben kann. Die Momente, in denen er die Existenz Gottes spürt, werden immer rarer. Er ist ein Seelsorger geworden, kein missionierender Priester mehr. Eher Psychologe, denn Prediger.

Das Telefon klingelt, ein schriller Ton in der Stille des Abends. Er nimmt ab. Es ist die Schwester vom Haftkrankenhaus. „Herr Pastor, ein Gefangener, Norbert Fießler bittet um Ihren Beistand. Krebs. Letztes Stadium. Niemand kann sagen, wie lange er noch hat. Es kann sehr schnell gehen.“

Norbert Fießler. Der Name ist ihm bekannt. Zweifacher Mörder. Lebenslänglich. Seit über 21 Jah­­­­ren in dieser Anstalt sicher verwahrt. Zuvor verbüßte er bereits mehrere mehr oder minder kurze Haftstrafen. Meist wegen Gewaltdelikten. Schon als Jugendlicher. Insgesamt dürften es wohl über 30 Jahre sein, die Fießler hinter Gittern verbracht hat. Er ist einer von denen, die auch ohne schwere Krankheit aus gutem Grund niemals wieder in Freiheit gelangt wären.

Im Alltag der JVA war Fießler eine Silhouette, die sich nie zeigte, nie mit etwas hervortrat, ihn in den 17 Jahren, in denen er schon als Pastor in dieser JVA tätig ist, nicht ein einziges Mal um ein Gespräch bat oder ein Anliegen an ihn hatte. Ein Mann, der sich in sich selbst verschloss, dessen Vergangenheit von einer unerbittlichen Kälte zeugt. Warum jetzt? Kurz vor dem Ende? Sucht er Erlösung? Oder nur einen letzten Zuhörer für seine Dunkelheit?

Trotz seiner Zweifel steht Breiter auf. Es ist seine Pflicht. Er nimmt seine Bibel, obwohl er weiß, dass er sie heute Nacht wahrscheinlich nicht aufschlagen wird, und läuft die wenigen hundert Meter zum Haftkrankenhaus.

 

Das Zimmer von Norbert Fießler ist kalt. Breiter tritt ein, ein übler Atem von Krankheit und Verfall, von Ausweglosigkeit und Finsternis schlägt ihm entgegen. Fießler liegt regungslos im Bett, seine Augen sind halb geschlossen, sein Gesicht eingefallen, seine Augenlider zucken unregelmäßig. Breiter zieht einen Stuhl heran und setzt sich an das Krankenbett. Das leise Surren der medizinischen Geräte ist das einzige Geräusch.

„Herr Fießler?“, sagt Breiter. Seine Stimme ist warm. Er versucht, einen Kontakt herzustellen. „Ich bin Pastor Breiter. Sie wollten mit mir sprechen.“

Fießler blinzelt langsam, er dreht mühsam den Kopf, seine Augen suchen Breiters Gesicht, aber sie finden keinen Halt. Sie gleiten über ihn hinweg, verlieren sich in der Ferne. Seine Lippen bewegen sich, formen Worte, die kaum zu verstehen sind. „Julian, mein Sohn… bist du das? Bist du endlich da? Ich hab’ so lange gewartet…“, haucht Fießler.

Breiter zuckt zusammen. Sohn? Er weiß, dass Fießlers einziger Sohn vor vielen Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Mit acht Jahren. Ein tragisches Detail in einem Leben voller selbstverantworteter Sinnlosigkeit. Fießler ist im Delirium. Die Medikamente halten ihn gefangen.

„Herr Fießler, ich bin nicht Ihr Sohn“, sagt Breiter beruhigend. „Ich bin Pastor Breiter. Ich bin gekommen, weil Sie mich gerufen haben.“

Fießler scheint ihn nicht zu hören. Seine Augen fixieren einen Punkt hinter Breiter, ein Lächeln huscht über sein Gesicht, ein Lächeln, das in diesem sterbenden Gesicht unheimlich wirkt.

„Der Angelurlaub, Julian. Erinnerst du dich? Der Forellenbach. Wir haben so viele gefangen… Ich hab’ dir gezeigt, wie man sie ausnimmt. Du hast Dich erst geekelt, aber dann warst Du tapfer. Deine erste Forelle hätte Dich fast ins Wasser gezogen. Ich war so stolz auf Dich!“

Breiter fühlt sich hilflos. Er ist hier, um Trost zu spenden, um Beistand zu leisten. Aber wie soll er das tun, wenn der Mann nicht bei Sinnen ist? Wenn er in einer Welt lebt, die nur in seinem Kopf existiert? Er überlegt, einfach wieder zu gehen. Es hat keinen Sinn. Er kann hier nichts ausrichten.

Doch in diesem Moment geschieht etwas. Fießlers Blick wird plötzlich klar. Die Augen fokussieren sich auf Breiter, ein Schimmer von Erkenntnis blitzt auf, wie ein Lichtstrahl, der kurz durch den Nebel bricht. Der Nebel scheint sich für einen Augenblick zu lichten.

„Pastor…“, sagt Fießler, seine Stimme ist überraschend deutlich, wenn auch heiser und von der Krankheit gezeichnet. „Ich… ich habe noch jemanden umgebracht.“

Die Worte treffen Breiter kalt und scharf. Er lehnt sich vor, seine ganze Aufmerksamkeit ist auf Fießler gerichtet. Sein Herz beginnt schneller zu schlagen. „Was sagen Sie, Herr Fießler? Wen haben Sie umgebracht? Wann? Wo?“

Doch Fießlers Blick wird wieder trüb, der Nebel kehrt zurück, aber die Worte kommen noch, wie ein letztes Echo aus der Klarheit. In Bruchstücken. In Fragmenten „82… Ost-Berlin… Weißensee… altes Haus… Gerüst… Ein anderer… unschuldig.“

Dann fällt Fießler wieder ins Delirium. Sein Blick schweift ab, das Lächeln kehrt zurück, ein Lächeln, das Breiter nun als grausam empfindet. Fießler brabbelt: „Reich mir mal die Wurmdose, mein Junge. Und pass auf, der zappelt. So, jetzt ziehst du ihn ganz vorsichtig auf den Haken. Nicht zu fest, sonst reißt er ab. Und dann… dann werfen wir ihn aus. Und warten. Ganz still. Bis der Fisch beißt.“ Er gestikuliert mit seinen dünnen Armen, als würde er eine Angelschnur auswerfen, seine Finger zucken.

Breiter fühlt sich in einem Albtraum gefangen. Ein dritter Mord. Ein Unschuldiger im Gefängnis. Meint er etwa das? Die Worte hallen in seinem Kopf wider, klar und deutlich, auch wenn Fießler sie im Delirium gesprochen hat. Er muss etwas tun. Vielleicht sitzt dieser Jemand noch immer unschuldig hinter Gittern, während der wahre Täter vor ihm auf dem Sterbebett liegt.

Er beugt sich über Fießler, rüttelt ihn sanft, aber bestimmt an der Schulter. „Herr Fießler! Herr Fießler! Der Mord! Der andere! Wer ist das? Sagen Sie mir mehr.“

Doch Fießler ist längst wieder in seiner eigenen Welt, unerreichbar. Sein Gesicht erhellt sich, ein breites, seliges Lächeln breitet sich aus. „Mein Kind… Du warst so schön in Deinem Hochzeitskleid. Ich sehe, wie Du strahlst, bewundere Deine Schönheit! Und unser Tanz… der Tanz mit der Braut. Alle haben zugeschaut. Ich war so glücklich. So stolz.“ Er blickt Breiter an, seine Augen sind feucht, aber nicht von Trauer, sondern von verklärtem Glück. „Danke, Pastor. Für die schöne Zeremonie. Sie haben sie so wunderbar vermählt. Ich werde diesen Tag nie vergessen.“

Breiter lässt die Schulter los. Die Hoffnung, Fießler noch einmal zu Bewusstsein zu bringen, schwindet. Er ist gefangen in seinen eigenen, glücklichen Illusionen, die nichts mit der grausamen Realität zu tun haben. Er spürt eine aufsteigende Übelkeit in sich. Fießler hatte nie eine Tochter. Aber sein erstes Opfer trug ein weißes Kleid.

Breiter geht zum Schwesternstützpunkt, seine Schritte sind schwer, seine Gedanken verwirrt. Er findet den diensthabenden Arzt, einen jungen Mann, der gerade Akten sortiert.

„Herr Doktor“, sagt Breiter. Er versucht, dringlich zu klingen. „Herr Fießler. Existiert eine Möglichkeit, ihn zumindest für einen kurzen Moment klar zu bekommen? Seine Schmerzmittel… könnte man die reduzieren? Es ist ungemein wichtig. Es geht um… um eine sehr wichtige Angelegenheit, die nur er klären kann. Ich würde Sie sonst nicht fragen.“ Er vermeidet es, den Mord zu erwähnen, aus Angst, dass der Arzt ihn für verrückt hält oder die Information nicht ernst nimmt.

Der Arzt schüttelt den Kopf, sein Blick ist bedauernd. „Lassen Sie mich raten. Er hat ein Geständnis eines weiteren Mordes angekündigt, vielleicht aber auch nur etwas angedeutet?“

„Ja, das hat er. Und das betrifft nicht nur ihn“, antwortet Breiter.

„Das ist gar nicht selten. Gerade in diesem Sterbezimmer. Sie wollen reinen Tisch machen. Deshalb verstehe ich Ihren Wunsch und nehme ihn ernst, Herr Pastor. Wirklich. Aber bei diesem Stadium der Erkrankung und der Menge an Schmerzmitteln, die Herr Fießler für eine humane Behandlung benötigt…“ Der Arzt schüttelt den Kopf. „Das ist kaum möglich. Wir müssten die Schmerzmittelzufuhr komplett stoppen. Dann vielleicht. Aber das wäre mit unserem ärztlichen Eid nicht vereinbar. Das wäre Quälerei, Folter. Wir können diese Schmerzen nicht zulassen, nicht in dieser Phase. Sie wären übermenschlich.“ Er zuckt mit den Schultern. „Sie können sich nur ans Bett setzen und warten. Entweder, dass er nochmals voll zu Bewusstsein kommt. Oder dass er stirbt. Mehr können Sie nicht tun.“

Breiter geht zurück zu Fießlers Zimmer. Er bleibt. Stundenlang. Die ganze Nacht. Fießler brabbelt unentwegt, seine Worte sind ein unverständliches Gemurmel, Fetzen von Erinnerungen, Traumsequenzen, die sich zu einem unentzifferbaren Teppich verweben. Breiter sitzt da, lauscht, hofft. Seine Gedanken kreisen unaufhörlich um den Satzfetzen: „Ich habe noch jemanden umgebracht... unschuldig.“

Dann, noch mitten in der Nacht, kurz vor dem ersten Grau des Morgens, geschieht es. Fießler erwacht. Seine Augen öffnen sich, klar und wach, ohne den Schleier der Medikamente. Er blickt sich um, seine Augen fixieren Breiter.

„Pastor Breiter?“, sagt Fießler überrascht, seine Stimme ist schwach. Er klingt verwirrt. „Was tun Sie hier? Besuchen Sie jeden Todgeweihten? Ich… ich erinnere mich nicht, Sie gerufen zu haben.“

Die Aussage trifft Breiter wie ein Schlag ins Gesicht. Plötzliche, totale Ernüchterung. Fießler erinnert sich nicht einmal daran, nach einem Geistlichen gefragt zu haben. Wenn er sich daran nicht erinnert, wie authentisch ist dann die Erinnerung an den Mord? Hat es diesen Mord überhaupt gegeben? Oder ist es nur eine weitere Fantasie eines sterbenden Mannes, der sich in seinen letzten Stunden an die Vergangenheit klammert? Die Fantasie eines Mordes, den er gerne begangen hätte, den es aber nie gab? Er braucht Gewissheit.

Fießlers Blick wird flehend. „Pastor… kann ich Vergebung erwarten? Erlösung? Wenn es einen Gott gibt… kann ich hoffen?“

Breiter schweigt. Er sieht Fießler an, den Mann, der vor ihm liegt, dessen Leben sich dem Ende neigt. Bevor Breiter auf die Frage antworten kann, beginnt Fießler zu erzählen. Seine Stimme ist leise, aber die Worte sind kalt, nüchtern, ohne Emotion. Die monotone Stimme eines russischen Synchronsprechers in einem Hollywoodfilm.

„Ich habe zwei Frauen vergewaltigt und umgebracht. Einfach so. Weil mir danach war.“ Er schaut wieder an Breiter vorbei nach draußen. „Die erste… ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, jemanden zu beherrschen. Es war berauschend. Dieser Moment der absoluten Macht. Diese Kontrolle über ein anderes Leben. Das Gefühl, über Leben und Tod zu entscheiden. Und die zweite… ich wollte dieses Gefühl noch einmal spüren. Es waren die einzigen Momente in meinem Leben, in denen ich mich nicht wie ein Spielball gefühlt habe. In denen ich das Gefühl von Selbstbestimmung gehabt habe. Und das war ein gutes Gefühl.“ Er schluckt, seine Kehle ist trocken. „Wenn mich die Polizei nicht geschnappt hätte, dann hätte ich noch weiter gemacht. Das ist in mir drin, Pastor. Warum, weiß ich auch nicht.“ Er pausiert, ein leises, fast zufriedenes Seufzen entweicht ihm. „An dieses Gefühl habe ich mich all die Jahre im Gefängnis erinnert. Es hat mich durchhalten lassen. Es war mein kleines Geheimnis, mein kleiner Triumph. Durch die Erinnerung konnten sie mich nicht brechen.“

Er blickt Breiter mit dem Schatten eines Lächelns auf seinen Lippen an. Ein Lächeln, welches Breiter das Blut in den Adern gefrieren lässt. „Ich will nicht sagen, dass dieses Gefühl die beiden Morde wert gewesen wären, aber…“ Fießler lässt die Antwort offen, doch die Implikation ist klar.

Dem Pastor wird kalt. Eiskalt. Er ist der Beistand für alle Gefangenen, gleichgültig, welch furchtbare Verbrechen sie begangen haben. Er muss und kann für gewöhnlich diesen mit Nächstenliebe und Barmherzigkeit begegnen. Er hat Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder begleitet, hat versucht, in jedem von ihnen einen Funken Menschlichkeit zu finden, einen Ansatzpunkt für Reue, für Vergebung. Aber solche Menschen wie dieser vor ihm liegende sterbende Mann, die sich an dem Glücksgefühl berauschen, welches sie bei einem Mord empfanden, Menschen, die keinerlei Reue zeigen, die sogar eine perverse Befriedigung aus ihren Taten ziehen – da hört die Fähigkeit für Nächstenliebe auch bei ihm auf. Er spürt eine Abscheu, die er kaum unterdrücken kann.

Deshalb beschließt Breiter zu gehen. Ohne Trost. Ohne Beistand. Ohne Worte, die den Gang auf die andere Seite erleichtern könnten. Soll er auf ewig in der Hölle schmoren. Was soll er einem solchen Menschen sagen? Wo ist hier ein Ansatzpunkt für Erlösung, wenn keine Reue existiert?

Doch er zögert. Irgendetwas muss in Fießler sein. Versteckt. Ein Rest von Menschlichkeit, ein Funke Hoffnung, der ihn dazu gebracht hat, einen Pastor zu rufen. Sonst hätte er ihn doch nicht kommen lassen. Diese Frage nach der Vergebung, nach dem Paradies… das ist doch ein Zeichen. Ein letzter Strohhalm, an den sich Breiter klammern kann.

In diese Gedanken Breiters hinein, fragt Fießler, seine Stimme ist nun wieder schwächer, aber noch immer klar: „Pastor… gäbe es einen Gott, dürfte ich dann auf Vergebung hoffen? Ich bin davon überzeugt, dass ich für meine Taten in die Hölle komme. Ich habe es verdient. Aber… gibt es für jemanden wie mich einen Weg aus der Hölle hinaus? Es muss ja nicht gleich das Paradies sein. Was müsste man dafür tun? Was kostet mich die Erlösung?“

Da ist nichts Flehentliches in Fießlers Frage, sie klingt nicht nach einem sehnlichen Wunsch. Es ist, als ob sich Fießler danach erkundigt, ob er ein 6er oder ein 8er Loch zum Anbringen einer Jalousie vor einem Fenster bohren soll. Doch Breiter sieht diese Frage als Möglichkeit. Eine letzte Chance. Er muss ihn zur Wahrhaftigkeit drängen. Nur wenn Fießler sich all seiner Schuld stellt, kann es vielleicht einen Weg geben. Einen Weg zur Erlösung? Um Gottes willen, nein, sagt sich Breiter. Alles, aber nicht das. Nicht für ein solch abscheuliches Individuum. Auch wenn er bei diesem Gedanken jeden Grundsatz christlicher Glaubenslehre über Bord wirft. Nein, er wird diesen Wunsch Fießlers benutzen, um mehr über diesen weiteren Mord zu erfahren.

„Herr Fießler“, sagt Breiter, seine Stimme ist sanft, aber bestimmt. „Vergebung erfordert Wahrhaftigkeit. Es erfordert, sich all seiner Schuld zu stellen. Auch der, die vielleicht noch verborgen ist. Die Wahrheit ist der erste Schritt auf dem Weg zur Erlösung.“ Fießler nickt kaum merklich. Breiter beugt sich vor, seine Augen fixieren Fießlers. „Vor Stunden haben Sie mir etwas erzählt. Erinnern Sie sich?“

Fießler blinzelt. Seine Stirn legt sich in Falten. „Was denn? Ich… ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“

„Sie sprachen von einem weiteren Mord“, sagt Breiter, seine Stimme ist ruhig, ohne Anklage. „1982. In Berlin. Ein Haus. Ein Gerüst davor.“

Fießlers Augen weiten sich leicht. Er kann sich nicht erinnern, das erzählt zu haben. Niemandem hatte er jemals davon erzählt. Doch woher sonst soll der Pastor das sonst wissen? Er schweigt, sein Blick wird nachdenklich, suchend. Die Medikamente scheinen für einen Moment ihre Wirkung zu verlieren. „Ist das der Weg aus dem Fegefeuer, Pastor?“, fragt er. Breiter denkt: Natürlich nicht, du widerwärtiges Etwas. Aber er sagt: „Öffne Dich. Es ist ein erster Schritt.“

„Ja“, sagt Fießler. Seine Stimme ist leise, fast mechanisch, als würde er eine längst vergessene Geschichte erzählen. „Das war in Berlin. Weißensee. 1982. Ich habe damals viele Wohnungseinbrüche gemacht. Sehr viele. Es war meine… meine Art, mir zu nehmen, was ich wollte. Ich war jung. Dreist. Wütend auf meine Eltern, meine Lehrausbilder, die Bullen, die ständig was von mir wollten, auf die ganze Welt.“ Er schließt die Augen, die Worte kommen langsam, wie aus der Ferne, bruchstückhaft. „Eines Abends habe ich eine ältere Dame auf der Straße bemerkt. Sie war gut und teuer bekleidet. Schmuck. Pelzmantel. Ich bin ihr bis zu ihrem Haus gefolgt. Ein altes Haus, mit so einem… so einem Baugerüst davor. Das war perfekt für einen Bruch. Leichte Beute. Ich habe gewartet, in welcher Wohnung das Licht angeht, und dann bis die Dame zu Bett gegangen war. Ich war geduldig. Sehr geduldig.“

Er pausiert, atmet schwer, ein Röcheln in seiner Brust. „Nachts bin ich das Gerüst hochgeklettert. Durch ein offenes Fenster eingestiegen. Es war einfach. Ich meine, wie dumm kann man sein, das Fenster aufzulassen, wenn ein Gerüst davorsteht? Niemand hat mich gehört. Niemand hat mich gesehen. Dann habe ich die Wohnung durchsucht. Alte Menschen verstecken ihre Dinge, aber sie sind nicht so clever, wie sie denken. Es sind immer die gleichen Verstecke. In Schränken zwischen der Wäsche, doppelte Böden in den alten Anrichten. Usw. Alles Wertvolle in einen mitgebrachten Sack gesteckt. Schmuck. Bargeld. Silberbesteck. Es war viel. Ich war gierig.“ Er schluckt zufrieden. „Gerade als ich einen Kerzenleuchter in der Hand hatte… so einen schweren, aus Bronze… und überlegte, ob ich den mitnehme, da taucht die Dame plötzlich hinter mir auf. Sie hatte keine Angst vor mir. Hat laut geschrien, ich soll den Sack fallen lassen und abhauen. Ich… ich habe mich erschreckt. Da habe ich mit dem Kerzenleuchter zugeschlagen. Reflexartig. Sie ist zu Boden gegangen. Und blieb liegen. Der Kerzenleuchter ist mir vor Schreck aus der Hand gefallen. Dann nur noch raus aus der Wohnung, das Gerüst hinunter und weg. So schnell ich konnte. Ich habe befürchtet, dass den Schrei jemand gehört hat und die Polizei ruft. Was mit der alten Dame war, habe ich mich nicht gefragt.“

Fießler öffnet die Augen, sein Blick ist wieder klar. Aber ist er voller Schmerz, voll von so einem Schmerz, der tiefer geht als die körperlichen Qualen? Nein, ist er nicht. Seine Augen strahlen Zufriedenheit, würden in seinen Augen Reklametafeln leuchten, stünde wohl auf diesen: Was für ein geiler Bruch!

Doch Fießler ist noch nicht fertig. „Vor etwa zehn Jahren… hier im Gefängnis… erzählte ein Mitgefangener von so einem Tölpel, einem Trottel, den es in seiner vorherigen JVA gab. Einer von den Lebenslänglichen. Ein totaler Idiot, der sich alles gefallen ließ, sich nie wehrte und von allen nur benutzt wurde. Er war, so erzählte es dieser Mitgefangene, verurteilt worden, weil eine Frau in ihrer Wohnung umgebracht hatte. In Berlin. 1982. Der war über das Gerüst in die Wohnung geklettert, hat dort geklaut und erschlug die Frau mit einem Kerzenleuchter. Bei seiner Erzählung ist gar nicht in erster Linie um diesen Bruch gegangen, sondern um die Beschreibung dieses Idioten, über den er sich lustig machte.“ Fießler schüttelt den Kopf, ein bitteres Lächeln auf seinen Lippen. „Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte noch einen Menschen umgebracht. Und ein anderer ist statt meiner verurteilt worden. Ein Idiot, kompletter Trottel büßt für meine Tat. Ist das zu glauben, Herr Pastor?“

´Du menschlicher Abschaum! Dir wurde klar, dass Du diesen Mord nicht hast genießen können´, schießt es Breiter durch den Kopf. Und dass ein Idiot den ´Ruhm´ dafür kassiert hat. Breiter schämt sich für diese Worte in seinen Gedanken. ´Du wärst doch bestimmt all die Jahre im Knast stolz damit hausieren gegangen, ein Dreifachmörder zu sein.´ Er spürt Wut und den sehnlichen Wunsch, dabei zusehen zu können, wie Fießler in der Hölle die schlimmsten aller vorstellbaren Qualen erleidet.

„Warum erzählen Sie das erst jetzt, Herr Fießler? Warum haben Sie all die Jahre geschwiegen? Warum haben Sie einen Unschuldigen leiden lassen?“, fragt Breiter und bemüht sich, seinen Ekel und seine Verachtung nicht in seine Stimme zu legen. Nachdem er das ausgesprochen hat, realisiert Breiter, wie absurd seine letzte Frage ist. Der hat zwei unschuldige Mädchen abgeschlachtet, freut sich noch jetzt daran, und du fragst ihn, warum er einen Unschuldigen hat leiden lassen.

Fießler lächelt schwach, ein Schatten von Bitterkeit und von Breiter so empfundenem abscheulichem Selbstmitleid. „Ich… ich hatte gehofft, doch noch einmal die Freiheit zu sehen. Ein letzter Rest Hoffnung, dass es einen Weg gibt, rauszukommen. Und dann… dann wollte ich vielleicht etwas sagen. Aber die Hoffnung ist immer stärker als alle Schuld. Die Hoffnung auf die Freiheit.“ Er schluckt, seine Stimme wird brüchig. „Jetzt ist es egal. Ich sterbe ohnehin. Und vielleicht… vielleicht kann ich noch etwas für diesen armen Tropf tun. Dass er rauskommt. Dass er nicht mehr für meine Schuld büßen muss. Ich denke, ich brauche noch was für die Waage, Sie wissen schon.“ Kein Funken Reue oder Bedauern. Weder für das, was er der alten Dame angetan hat, noch dafür, dass er einen anderen unschuldigen Menschen den Preis für seine Schuld hat zahlen lassen. Breiter kommt Fießlers Frage in den Sinn: Was kostet mich die Erlösung?

Der Pastor nickt, seine Augen sind feucht. Er schaut an die Decke. Zu Gott. Flehend und sagt: „Das müssen Sie der Polizei erzählen, Herr Fießler. Sofort. Nur die können ihm helfen. Nur die können das überprüfen. Sie müssen ein Geständnis ablegen, ein offizielles.“

Als sein Blick wieder auf Fießler liegt, weiß er, dass Gott sein Flehen unbeachtet ließ. Fießlers Augen sind wieder vollkommen leer. Die Medikamente haben ihn zurück in den Nebel gezogen. Er ist abermals im Delirium, murmelt unverständliche Worte über Angelhaken und Forellen, über seine Tochter im weißen Kleid.

„Fießler! Fießler!Fiiiiiiiiiießler“, ruft Breiter. Erst leise, dann immer lauter. „Fießler! Wachen Sie auf! So können Sie nicht gehen. So dürfen Sie nicht davonkommen!“ Breiter rüttelt an Fießlers Schultern, ist kurz davor, ihm eine Ohrfeige zu verpassen. Das kann, das darf es doch jetzt nicht gewesen sein! Doch Fießler ist endgültig zurück in seinen Träumen. Er summt ein Lied.

Breiter bleibt noch eine Weile sitzen, dann steht er auf und geht zum diensthabenden Arzt. „Wenn sich etwas ändern sollte, rufen Sie mich bitte sofort an. Ich muss noch einmal mit ihm sprechen“, sagt Breiter.

Der Arzt nickt, sein Blick ist bedauernd. „Herr Pastor, ich mache Ihnen wenig Hoffnung. Das, was gerade geschehen ist, war wahrscheinlich das letzte Aufbäumen des sterbenden Körpers. Es ist fast ein Wunder, dass es überhaupt geschehen ist. Eine letzte klare Phase, bevor das Ende kommt. Er wird wahrscheinlich nicht mehr zu Bewusstsein kommen.“

 

Zwei Tage später stirbt Norbert Fießler. Ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben. Die Akte seines Lebens schließt sich. Doch die Geschichte des unschuldig Verurteilten bleibt offen, ein Schatten, der auf der Gerechtigkeit liegt.

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