MARNITZ – Der Fall Braun
Die nackte Wahrheit hinter einem der größten Justizirrtümer Deutschlands.
“Eine erschreckende Geschichte, weil sie jedem von uns passieren kann. Du bist zur falschen Zeit am falschen Ort und plötzlich unschuldig als Mörder im Gefängnis. Und dann? Veikko Bartel beleuchtet in MARNITZ – Der Fall Braun ein Justizdrama, das uns alle betrifft.” – Leserstimme
„Lebenslänglich.“
Ein Wort, das die Welt von Holger Braun in Schutt und Asche legte. Die Justiz nannte ihn einen Mörder. Die Presse nannte ihn ein Monster. Als ich das Mandat übernahm, war er bereits am Ende: rechtskräftig zu Lebenslänglich verurteilt, weggesperrt, für das System erledigt. Fünf Jahre lang war er für den Staat nur eine Aktennummer. Und ich? Ich war der Einzige, der noch an seine Unschuld glaubte.
Holger Braun ist ein einfacher Mann, dessen einziger Lebenstraum es war, seinen drei kleinen Mädchen ein guter Vater zu sein. Er hatte nie etwas mit der Justiz zu tun – bis das System ihn sich griff, ihn zermahlte und als Mörder abstempelte. Es ist ein Fall, der Geschichte schrieb: Heute wird er auf Wikipedia in der kurzen, erschütternden Liste der größten deutschen Justizirrtümer geführt.
In diesem Roman erzähle ich die Geschichte meines schwersten Falles. Es ist kein juristischer Bericht, sondern die atemberaubende Rekonstruktion eines Krieges gegen ein unumstößliches Urteil. Jede Szene ist echt, jeder Abgrund belegt – bis hin zu jener Entscheidung, vor der jeder Mensch zerbrechen muss:
Die Sicherheit der Lüge gegen den Wahnsinn der Wahrheit.
Wir hatten die Wahl: Ein falsches Geständnis gegen eine sofortige Haftverkürzung. Ein Deal, der ihn zurück zu seinen Kindern gebracht hätte, bevor diese Teenager oder gar erwachsen sind. Oder der aussichtslose Kampf gegen ein rechtskräftiges Urteil, bei dem jede Statistik gegen uns sprach. Würden Sie zum Lügner, um Ihre Freiheit zu kaufen? Oder riskieren Sie alles für eine Wahrheit, die niemand mehr hören will?
Ich schicke mein literarisches Alter Ego ins Feld: Rechtsanwalt Marnitz – eine Figur, die ebenso wenig vergisst wie ich und noch härter zubeißt. Begleiten Sie RA Marnitz bei seinem unerbittlichen Feldzug gegen eine Justiz, die keine Fehler zugibt. Erleben Sie den Kampf eines Vaters, der alles verloren hat, und die Jagd eines Anwalts, der das Unmögliche möglich machen muss: Ein rechtskräftiges Urteil zu Fall zu bringen.
Strikt an den Fakten. Brutaler als jede Fiktion. Ein Fall, der Deutschland erschütterte.
ISBN
978-3-9825275-4-3 Paperback
978-3-9825275-5-0 E-Book
Als Paperback und E-Book in meinem Shop
Verhandlungssaal der Wirtschaftsstrafkammer
eines Landgerichts
Die große Flügeltür zum Verhandlungssaal fliegt beidseitig bis zum Anschlag auf. Das damit verbundene Krachen lässt den Zeugen, den das Gericht seit 15 Minuten vernimmt, und die im Verhandlungssaal sitzenden Zuhörer zusammenzucken. Der Mann, der mit wehender Robe durch diese Tür stürmt, verliert keine Sekunde, seinem Unmut Luft zu machen.
„Wofür halten Sie sich da oben?“, ruft er bitterbös quer durch den großen Gerichtssaal und zeigt mit ausgestrecktem linkem Arm in Richtung des erhöht sitzenden Gerichts.
„Sie schicken mich in ihrer Ladung ans andere Ende des Gerichtsgebäudes und halten es nicht für nötig, mich von der Änderung des Verhandlungssaals zu benachrichtigen?! Das allein ist schon eine Unverfrorenheit. Aber in meiner Abwesenheit mit der Vernehmung des Zeugen zu beginnen, das verschlägt selbst mir die Sprache, und ich bin nicht zuletzt dank Ihnen einiges gewohnt. Eine solche prozessuale Sauerei zulasten eines Angeklagten habe ich noch nie erlebt. Mit welcher moralischen Rechtfertigung fällen Sie“, er zeigt mit dem ausgestreckten Arm in Richtung des Gerichts, „ja, genau Sie, Urteile, in denen Sie Angeklagten vorwerfen, diese hätten gegen geltendes Recht verstoßen, wenn sie es selbst permanent mit Füßen treten?“
Mit den letzten Worten wuchtet er einen schweren Aktenrollkoffer auf den leeren Platz neben seinem Mandanten.
„Mäßigen Sie sich, Herr Verteidiger!“, ruft Staatsanwalt Gerlach dazwischen. „Ihr Mandant war durch Rechtsanwalt Lehmann ordnungsgemäß verteidigt. Die Kammer hatte jedes Recht zu verhandeln.“
Der Verteidiger wendet sich mit bitterbös blitzenden Augen dem Staatsanwalt zu.
„Wer hat Sie denn um ihre Meinung gebeten? Für Sie gilt mein letzter Satz gleichermaßen. Sie wussten um die kurzfristige Verlegung in diesen Saal. Es wäre ihre Pflicht gewesen, sich beim Gericht zu erkundigen, ob denn alle Verteidiger umgeladen wurden. Sie sind schließlich ebenso verpflichtet, darüber zu wachen, ob sich das Gericht an Recht und Gesetz hält, auch und gerade im Sinne des Angeklagten. Oder habe ich da an der Rolle der Staatsanwaltschaft etwas missverstanden?“
„Noch einmal: Rechtsanwalt Lehmann war anwesend. Im Übrigen sind Sie, Herr Verteidiger, der Letzte, von dem ich Ratschläge anzunehmen gedenke, wie ich meinen Job zu erledigen habe.“
Staatsanwalt Gerlach denkt nicht daran, klein beizugeben. Beide verbindet schon seit Jahren ein inniges Verhältnis tiefster Antipathie, welches sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit sorgsam pflegen.
„Meinen Sie den Verteidiger, der meinem Mandanten durch die Kammer wider das Gesetz vor die Nase gesetzt wurde? Den, der mit meinem Mandanten noch nicht ein einziges Wort gewechselt hat? Den Verteidiger, der es, um die Verlegung wissend, nicht fertigbringt, zum Telefon zu greifen und mich anzurufen, wenn ich gegen jede Erwartung zu Verhandlungsbeginn nicht anwesend bin?“
Besagter Rechtsanwalt Lehmann hebt an, auch etwas zu sagen, doch der Verteidiger herrscht ihn von oben herab an: „Seien Sie still! Mit Ihnen befasse ich mich später.“ Obwohl er ihn ansieht, würdigt er ihn dabei keines Blickes.
„Verschonen Sie uns doch endlich mit ihren Verschwörungstheorien!“, fährt Staatsanwalt Gerlach fort. „Sämtliche Beschwerden gegen die Bestellung von Rechtsanwalt Lehmann wurden abgewiesen. Das Theater, welches Sie hier veranstalten, taugt nicht einmal für einen ihrer Talkshowauftritte.“
„Ach Gottchen“, des Verteidigers Stimme wechselt von wütend auf sarkastisch, „darum geht es Ihnen? Zerfrisst sie der Neid? Soll ich Ihnen das nächste Mal ein Autogramm von Herrn Jauch, Frau Maischberger oder Herrn Kerner mitbringen? Was soll als Widmung draufstehen?“ Der Verteidiger beugt sich, sich auf dem Tisch abstützend nach vorn, sodass fast ein Eindruck von Fürsorglichkeit entsteht. „´Für den am meisten auf seine Karriere bedachten, aber am wenigsten in seiner perfiden Kunst, Menschen die Freiheit zu nehmen, wahrgenommenen Staatsanwalt Deutschlands´?“.
„Wo Eitelkeit anfängt, hört der Verstand auf. Etwas Bescheidenheit und Demut vor der Würde des Gerichts täte Ihnen und nicht zuletzt uns allen wahrlich gut“, kontert Gerlach.
„Touché, Herr Staatsanwalt. Sie überraschen mich immer wieder.“ Der Verteidiger grinst. „Und jetzt ausnahmsweise mal auf positive Art. Sie kennen Ebner-Eschenbach? Oder haben sie auf ihrem Platz eine Sammlung von Zitaten liegen, die Sie in passenden wie unpassenden Momenten verwenden? Wenn wir gerade bei dieser grandiosen Erzählerin des 19. Jahrhunderts sind, da habe ich auch noch einen, der auf Sie passt, ganz besonders auf Sie: ‚Ich suche die Wahrheit, aber finden will ich sie nur dort, wo es mir beliebt.´“
Der Staatsanwalt reagiert augenblicklich, ohne nach Worten suchen zu müssen: „Wenn Sie schon zitieren, dann doch bitte richtig, Herr Verteidiger. Es heißt dort: ´Wir suchen die Wahrheit …‘, Plural, nicht Singular.“
Der Verteidiger ignoriert die letzte, ganz und gar zutreffende Bemerkung von Staatsanwalt Gerlach. Er ist immer noch wütend, aufgebracht und doch: Sieht man genau hin, huscht ein Schmunzeln über sein Gesicht. Er liebt diese Art von Scharmützel, diesen Schlagabtausch. Staatsanwalt Gerlach ist einer der wenigen, die er als ebenbürtige Gegner betrachtet, die „in seiner Liga spielen“, wie er es ausdrücken würde, wobei er insgeheim hofft, dass Gerlach das niemals erfahren wird.
Der Verteidiger wendet sich wieder dem Gericht zu. „Est modus in rebus, sunt certi denique fines [1]. Was hier abläuft, ist eines Gerichts unwürdig. Hatten Sie tatsächlich geglaubt, ich würde der Vernehmung dieses wichtigsten Zeugen der Anklage nicht beiwohnen, meinen Mandanten seinem Schicksal, nein, noch schlimmer, Ihnen und Ihrem Vasallen von Verteidiger überlassen? Hatten Sie sich tatsächlich der Illusion hingegeben, Sie kämen damit durch?“.
„Es reicht, Herr Verteidiger. Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen das Wort erteilt zu haben. Das ist immer noch mein Gerichtssaal!“. Der Ton der Vorsitzenden ist ebenso scharf wie der des Verteidigers.
Der Verteidiger kontert sofort.
„Und ich, Frau Vorsitzende, kann mich nicht daran erinnern, mein Einverständnis erteilt zu haben, dass gesetzeswidrig mit der Hauptverhandlung begonnen wird. Meine Eigenmächtigkeit, das Wort zu ergreifen, ohne es von Ihnen erteilt bekommen zu haben, mag unhöflich gewesen sein, dies gestehe ich zu, aber sie war nicht wider das Gesetz. Auf Ihr Handeln trifft dies hingegen sehr wohl zu. Ich frage mich, was in Ihren Köpfen vorgeht. Sie wissen doch, dass ich nicht nur belle, sondern auch beiße. Dass ich mir Derartiges niemals bieten lasse. Oder glauben Sie, Sie könnten mich durch solche Aktionen mürbe machen, auf dass ich kapituliere? Wie auch immer!! Ich beantrage eine Unterbrechung der Hauptverhandlung, um einen Befangenheitsantrag zu Papier zu bringen.“
Seine Angriffslust ist noch nicht gestillt. Fast beiläufig, mit einem schon nicht mehr grenzwertigen Maß an Arroganz fügt er, während er beginnt, seinen Rollkoffer auszupacken, hinzu:
„Lassen Sie jeden Gedanken an die Fortsetzung der Hauptverhandlung vor meinem Antrag und der Entscheidung über selbigen bleiben. Die Fortsetzung der Verhandlung mit diesem Zeugen ist keine unaufschiebbare Maßnahme nach § 29 StPO. Ich gehe davon aus, dass Sie die jüngste Entscheidung des 4. Strafsenats des Bundesgerichtshofs hierzu kennen. Ach, wissen Sie was? Ich gebe Ihnen das Aktenzeichen, dann können Sie es im Beratungszimmer durch juris [2] jagen.: 4 StR 502/02.“
Der Verteidiger dreht sich zu Staatsanwalt Gerlach und spricht zu ihm mit einer kaum zu überbietenden Süffisanz: „Erlauben Sie mir, sehr geschätzter Kollege, ein Zitat zu Ihrem gänzlich haltlosen Vorwurf, ich sei nicht bescheiden, nach ihrem Geschmack nicht bescheiden genug. ´Nur Lumpen sind bescheiden.´ Hans Albers.“
Katerchen
Das ist er, mein Chef. Wie er leibt und lebt. Feuer aus allen Rohren, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Ohne Rücksicht auf etwas. Schon gar nicht auf sich selbst.
Auf den Millimeter, wie er immer betont, einen Meter fünfundachtzig groß, sehr markante Gesichtszüge. Irgendwann habe ich mal aufgeschnappt, er sei Leistungssportler, sogar Profi gewesen. Seine ausgesprochen sportliche, fast schon drahtige Figur scheint sich seit damals nicht verändert zu haben.
Nichts an diesem Mann ist dezent. Nicht die Maßanzüge, die er trägt. Nicht seine rahmengenähten englischen Schuhe. Oxford, niemals Budapester. Nicht seine Uhren, Ringe und, nicht zu vergessen, seine extravaganten Manschettenknöpfe. Und erst recht nicht die Autos, die er fährt.
Er hat einen ausgesprochenen Krawattentick. Keine Krawatte, kein zu dieser passendes Einstecktuch trägt er zweimal. Und wenn doch, dann liegt dazwischen eine Zeitspanne, die es einem unmöglich macht, sich daran zu erinnern.
Seine Wohnung liegt zwei Stockwerke über der Kanzlei. Vier Zimmer. Zwei für seine beiden Jungs sowie ein Wohnzimmer, in dem er auf einer monströsen Couch schläft. Das größte dieser Zimmer, mit bestimmt 25 Quadratmetern, ist ein einziger, riesiger Kleiderschrank. So viele Schuhe habe ich selbst in einem Schuhgeschäft bislang nicht gesehen.
Woher ich das weiß? Kommen Sie gar nicht erst auf falsche Gedanken! Es gehört seit jeher zu meinen Aufgaben, seine Tasche zu packen, wenn er, was sehr oft der Fall ist, abends kurz von irgendwoher ins Büro kommt und noch am selben Abend wieder in eine andere Stadt zum nächsten Gerichtstermin verschwindet. Am Anfang habe ich versucht, Form und Farbe der Krawatten so zu wählen, dass es zum Farbempfinden eines „normalen“ Menschen passt. Es war immer falsch. Ton in Ton ging gar nicht. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, genau die Krawatten einzupacken, die nach meinem Geschmack weder zum Hemd noch zum Anzug passen, so ganz und gar, also absolut nicht passen. Von da an lag ich nie wieder falsch. Das Erstaunlichste ist: An ihm sieht es jedes Mal so aus, als gäbe es auf der ganzen Welt nichts, was besser gepasst hätte.
In früheren Zeiten nannte man so etwas wie ihn einen Snob. Zumindest muss er so auf seine Umwelt wirken, und ich denke auch, dass er genau das beabsichtigt. Niemals trägt er braune Schuhe nach 18 Uhr. Niemals geht er ohne Smoking oder Frack in die Oper. Niemals rutscht ihm gegenüber einer Frau eine anzügliche Bemerkung heraus. Niemals würde er einer Frau erlauben, sich ihre Jacke ohne seine Hilfe aus- oder diese wieder anzuziehen. Niemals bleibt er am Tisch im Restaurant sitzen, wenn sich seine Begleitung erhebt, um sich den Lidstrich nachziehen zu gehen. Und ebenso wenig, wenn sie von dort an den Tisch zurückkommt. Niemals erscheint er ohne Anzug, Hemd und Krawatte vor Gericht, im Büro oder bei einem Mandanten. Niemals hat ihn irgendwer in Bluejeans oder Turnschuhen, gar kurzen Hosen gesehen. Niemals verliert er die Kontrolle, selbst wenn er nach außen hin unbeherrscht wirkt.
Manchmal glaube ich, er vermag sogar seine Träume seinem Willen zu unterwerfen.
Er hat ein großes Herz, ein verdammt großes.
In seiner Kanzlei arbeiten als Rechtsanwaltsfachangestellte ausschließlich alleinerziehende Frauen, denen er bei der Vergabe von Stellen immer den Vorzug vor anderen Bewerberinnen gibt. Und wenn eine von ihnen für einen Arzttermin Urlaub beantragt, für sich selbst oder für die Kinder, oder weil der Kindergarten beziehungsweise der Hort geschlossen ist oder ein Schulausflug ansteht, dann zerknüllt er den Antrag und sagt: „Wie kann man denn auf so eine bescheuerte Idee kommen?!? Für so etwas muss man hier keinen Urlaub nehmen! Da bekommt man frei und gut!“
Bei drei Dingen hört der Spaß allerdings auf: Bei inkorrekter Verwendung des Imperativs, beim Ignorieren des Genitivs und wenn ihm jemand ins Wort fällt.
Ich denke, es bereitet ihm tatsächlich körperliche Schmerzen, wenn er irgendjemanden „wegen dem“ oder „helf mit doch mal!“ sagen hört.
Einmal hat er es fertiggebracht, den bei uns eingegangenen Bescheid einer Behörde mit rotem Stift zu korrigieren, eine Note für Orthografie und Grammatik zu vergeben und das Schriftstück mit folgender Bemerkung zurückzusenden: „Nach § 23 Absatz 1 Verwaltungsverfahrensgesetz ist die Amtssprache im Geltungsbereich des Grundgesetzes Deutsch. Die durch Sie verwendete Sprache ist mir nicht bekannt.“
Wenn ich in solchen Momenten stirnrunzelnd vor ihm stehe, sagt er oft: „Katerchen, wir werden von Behörden, der Polizei, der Staatsanwaltschaft, von Gerichten, von Zeugen und vor allem von unseren Mandanten so oft verarscht, dann dürfen wir das ab und an auch mal.“
Wenn eines „seiner Mädels“ im Büro mal so richtig Mist baut, brummt er so bedrohlich und böse, dass es bisweilen Tränen gibt. Aber niemals ernste Konsequenzen. Schon 10 Minuten später kann er im Sekretariat stehen und einen Scherz machen oder einen Witz erzählen, was bisweilen einige Irritationen bei den Mädels hervorruft. Für ihn ist die Sache nach dem Gewitter vergeben und vergessen. Dass das bei anderen vielleicht nicht so ist, reflektiert er kaum. Na gut: Gar nicht.
Zwei Dinge verzeiht er hingegen niemals: Illoyalität und den Konsum jeglicher Art von illegalen Drogen. Da gibt es kein Zurück, kein Verzeihen, kein Akzeptieren einer Entschuldigung, keine zweite Chance. Von einem solchen Menschen, einem solchen Mitarbeiter trennt er sich augenblicklich, egal mit welchen Konsequenzen dies verbunden ist. Einer langjährigen Mitarbeiterin fiel einmal in der Kanzlei ein Joint aus der Zigarettenschachtel, als sie sich eine Zigarette herausnahm. Sie wollte ihn in diesem Moment gar nicht rauchen, er ist ihr nur heruntergefallen. Er sah es. Seine Reaktion: „Nehmen Sie Ihre Sachen und raus hier!“. Es folgte die fristlose Kündigung.
Sie wollen noch wissen, welche Autos er fährt? Na gut, es bleibt ja unter uns. Für alles, was mehr als 300 km weg ist, nimmt er seinen „schwedischen Panzer“, einen Saab 9 irgendwas. Für alles darunter einen russischen Wolga, Baujahr 1989. Mit russischen Kennzeichen und roten Vorhängen aus Samt an den hinteren Scheiben. Auch die Sitze sind mit rotem Samt bezogen. Es bereitet ihm sichtlich Freude, bei sogenannten Russenmafiaverfahren mit diesem Auto am Gericht vorzufahren. Ach so, und für den Spaß, wie er es nennt, irgendein Auto, das wie eine asiatische Blume heißt und ihm, steht er daneben, bis zum Bauchnabel reicht.
Wie gesagt: Nichts an diesem Mann ist dezent. Noch nicht einmal sein Name:
Saladin Alarich Xerxes Adamastos Tryggvi
Claudius Ptolemäus Marnitz
Als ich ihn einmal fragte, warum sich seine Eltern für diese Namen entschieden hätten, antwortete er: „Sie waren jung, sie waren offenbar Fans von diesen Typen, und es war niemand vor Ort, um sie aufzuhalten. Saladin war der Sultan, der 1187 Jerusalem eroberte; Alarich plünderte 410 Rom; Xerxes wurde nach dem erfolgreichen Gemetzel bei den Thermopylen in der Seeschlacht von Salamis von den Griechen reichlich der Arsch versohlt; Adamastos ist ein Epitheton für Hades und bedeutet ´der Ungebändigte´; Tryggvi als König in Norwegen machte durch Überfälle in Schottland und Irland dem Ruf der Wikinger alle Ehre; Claudius Ptolemäus schließlich war ein großer griechischer Wissenschaftler und Philosoph der Zeit des römischen Kaisers Hadrian, der allerdings in Alexandria lebte. Alles beeindruckende Persönlichkeiten. Aber ich bin traurig, dass meine Eltern nicht noch Nebukadnezar hinzugefügt haben, denn, seien wir ehrlich: Bei dieser Ansammlung hätte es Babylon wahrlich verdient gehabt.“
Über seinen Hang und seine Begeisterung für Geschichte sagt er immer scherzhaft, diese sei eine frühkindliche Schädigung.
Insgeheim genießt er diese, sagen wir, Besonderheit. Begegnet er jemandem, dem der Standesdünkel aus allen Poren schießt, stellt er sich schon mal mit vollem Namen vor. Ansonsten bleibt es bei Tryggvi. Ich vermag mich an keine Situation zu erinnern, in der nach der Nennung seines Namens nicht noch ein „Wie bitte?“ folgte.
Marnitz entstammt einem ostpreußischen Adelsgeschlecht, welches in der Nähe von Königsberg ein Rittergut besessen haben soll. So genau wusste man das allerdings nicht, denn sein Vater hat den Zweiten Weltkrieg als einziges Familienmitglied überlebt. Das „von“ im Namen war „abhandengekommen“. Auf der Karte, die dem Sechsjährigen Marnitz Senior an den Mantel gebunden worden war, als man ihn im Frühjahr 1945 einem Flüchtlingstreck mit auf den Weg von Ostpreußen gen Westen gab, stand eben nur „Kurt Marnitz“ und nicht „Kurt Johannes Friedrich Georg Karl Maria Godehard Freiherr von Marnitz“. Erst Ende der 1960er Jahre klärte sich das Schicksal der Familie ein wenig auf, erfuhr Marnitz Senior, wer seine Eltern gewesen waren. Aber wegen seiner sozialistischen Überzeugung legte Marnitz` Vater keinen Wert auf das „von“ und auf das „Freiherr“ schon gar nicht.
Und da Loyalität für Marnitz zum höchsten Gut überhaupt zählte, war es für ihn nie ein Thema, den Namen zu ändern. Obwohl dies möglich gewesen wäre.
Ich denke allerdings, dass ihm der Verzicht nicht leichtfiel. „Saladin Alarich Xerxes Adamastos Tryggvi Claudius Ptolemäus Freiherr von Marnitz“, ja, das hätte ihm schon gut gefallen. Warum? Nun, weil die drei Wörter „normal“, „durchschnittlich“ und „Marnitz“ nicht in einen sinnvollen semantischen Zusammenhang gebracht werden können.
„Herr Marnitz, Sie sind wie alle anderen“ – eine schlimmere Beschimpfung kann man ihm nicht zuteilwerden lassen.
Marnitz polarisiert allein durch seine Anwesenheit.
Entweder man erliegt schon im ersten Moment seinem Charisma und als Frau insbesondere seinem Charme, oder man empfindet totale Abneigung. Dazwischen gibt es nichts.
Und nicht selten setzt er dieses Polarisieren ganz bewusst ein. Sie möchten ein Beispiel? Na gut.
Marnitz hat einen engen Freund, mit dem er in seiner Jugend in einer Band spielte. Während Marnitz nicht den Mut fand, die Musik zu seinem Beruf zu machen – „Dazu fehlt mir einfach das letzte Quäntchen Talent“, sagt er, ist sein Freund diesen Weg gegangen und spielt, um über die Runden zu kommen, in zahlreichen Bands vollkommen konträrer Stilrichtungen. Die schlimmste dieser Kapellen ist eine namens „Erzgebilly“. Erzgebirgische Weihnachtslieder in dem für mich gänzlich unverständlichen Dialekt dieses kleinen zänkischen Bergvolks im Stile des Rockabilly der 50ziger Jahre.
„Wenn´s Raachermannel nabelt
un es sat kaa Wort drzu,
Un dr Raach steigt an dr Deck nauf,
Sei mr allezamm su fruh…“
Das pure Grauen.
Eines Tages rief dieser Freund Marnitz an und bat ihn verzweifelt, in einer dieser Bands auszuhelfen, weil deren etatmäßiger Gitarrist drogenbedingt out of order sei. Man habe ihn gerade in eine Entzugsklinik eingewiesen. Marnitz hatte eine Bedingung: Er wollte so auf die Bühne gehen, wie es ihm beliebte. Nichtsahnend sagte sein Freund zu. Und so stand Marnitz an diesem Abend in einem wahrlich üblen Rockerclub, gefüllt mit bestimmt 2000 Jahren Gefängnis, nicht in einem Lederoutfit auf der Bühne, sondern in einem Outfit, welches für all das stand, was Rocker zutiefst hassen: nämlich das von Anwaltsheinis, BWL-Schnöseln, des Unternehmensberaterpacks und von Bankenfuzzis. Drei Stunden Thrash Metal im Maßanzug, mit Krawatte, Einstecktuch und einer Patek Philippe am Handgelenk.
„Sie hätten das miterleben sollen!“, sagte er später lachend zu mir, „Die haben mich gefeiert. Die sahen das als Ausdruck des Protests gegen die Gesellschaft. Wenn die das Wort gekannt hätten, hätten sie es wohl ´innovativ‘ genannt. So kam nur ein ‚krass abgefahren, Alter!‘“
Entweder kann man mit ihm oder nicht. Und wer es nicht kann, der kann ihn mal.
Auf der anderen Seite ist er so ein wahnsinniger Spießer. Eines Tages hatte er mich nach einem langen Arbeitstag zum Essen eingeladen. Ein wunderschöner Abend. Wir lachten, wir scherzten, wir alberten herum, und vielleicht flirteten wir auch ein wenig miteinander. In dieser Stimmung kam der letzte Espresso. Ich erzählte gerade eine vermeintlich lustige Geschichte über einen Ex-Freund, als sich sein Gesicht plötzlich verfinsterte. Er unterbrach mich und sagte ungehalten: „Fassen Sie die Tasse bitte am Henkel an! Wir sind hier nicht in der Bahnhofskantine!“ Der Abend war gelaufen.
Ja, so ist er. Fingerspitzengefühl ist generell keine seiner Stärken.
Kennengelernt habe ich Marnitz auf einer Datingplattform im Internet. An meinem ersten Abend auf diesem Portal. Noch mehr als sein Bild gefiel mir sein Statement:
„Als Neuling auf diesem Portal bin ich verwirrt.
Warum suchen hier so viele Frauen Komplizen für die Begehung von Eigentumsdelikten zulasten der Eigentümer behufter Nutztiere?
Nach meinen nun zweiwöchigen Erfahrungen – ein Resümee: Hier kann man(n) alles haben. Tiefgründige Gespräche über Gott und die Welt; einen Disput, was überzeugender ist: Stringtheorie oder Schleifen-Quanten-Gravitation. Ob braune Schuhcreme farbloser vorzuziehen oder ob der Trend der Fusionsküche gänzlich überbewertet ist. Hinzu kommen Unterweisungen in eine Vielzahl von Fetischen und/oder solche in die „Gesetzmäßigkeiten“ von Esoterik und Astrologie. Und, ehe ich es vergesse: schnellen, unverbindlichen, manchmal sogar guten Sex.
Was von alledem willst Du? Oder fügst Du dem sogar noch etwas hinzu?
P.S: Ich mag mich nicht mit Menschen unterhalten, die vorgeben, die Geheimnisse von Picasso zu kennen, ohne jemals eine Sinfonie von ihm gehört zu haben.“
Von so viel Dreistigkeit fühlte ich mich herausgefordert, wobei mir von Anfang an klar war, dass es sich bei ihm um den Typ Mann handelt, vor dem die Mütter ihre Töchter unablässig warnen.
Wir telefonierten, chatteten, und schon nach ein paar Tagen verabredeten wir uns in einem Restaurant. Ob er mir das so gesagt hat oder es in seinem Profil stand, ich weiß es nicht mehr, aber ich erwartete keinen Anwalt, sondern einen mittellosen Musiker zu treffen. Tja, und dann stand ich in diesem Restaurant, zweieinhalb Stunden zu spät. Ich hatte ihn zwischendurch immer wieder angerufen und ihm gesagt, er verpasse etwas, wenn er gehe. Er blieb. Als wir uns dann gegenüberstanden, verschlug es uns beiden die Sprache. Da saß kein wie ein verarmter Musikant gekleideter Mann, sondern einer im Anzug, mit Aktentasche, Trenchcoat und einer Uhr am Handgelenk, die dreimal so viel wert war wie mein Auto. Und er, der gewohnt war, dass sich seine Dates in Schale schmissen, blickte auf eine Frau in, ein wenig peinlich ist mir das heute schon, Schlabberhose, weitem Pullover und Turnschuhen. Ungeschminkt, mit schnöde zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen langen blonden Haaren und zudem verschwitzt. Es war noch nicht lange her, dass ich mich von meinem Mann getrennt hatte. Der Scheidungskrieg tobte gerade. Um finanziell mit meiner kleinen Tochter und meinem Sohn über die Runden zu kommen, putzte ich die Arztpraxis einer Freundin. Deshalb kam ich auch zu spät, wobei ich ihm den Grund an diesem Abend verschwieg.
Ich stand ihm also gegenüber, und schon beim ersten Blick wusste ich: „Das ist der Mann, mit dem du die nächsten Jahre verbringen wirst.“ Da war noch kein einziges Wort gesprochen. Der Moment des Schweigens dauerte nicht allzu lange. Wir hatten sofort einen Draht zueinander. Als ob wir uns ein Leben lang kennen würden, sodass wir die Sätze des anderen vollendeten, ergänzten. Wäre ich nicht von Hause aus und bis in meine letzte Haarspitze Mathematikerin, fiele mir nur ein Wort ein: Magie.
Es war kurz vor Weihnachten. Er erzählte, dass seine Büroleiterin wieder einmal gekündigt habe. Das tue sie jedes Jahr vor Weihnachten. Es laufe immer darauf hinaus, dass sie mehr Urlaub oder mehr Geld oder weniger arbeiten wolle. Meistens alles drei in Kombination. Die reinste Erpressung, aber er akzeptierte es, denn Marnitz hasste es, sich an neue Mitarbeiter, überhaupt an neue Menschen in seiner engsten Umgebung gewöhnen zu müssen. Gerade kurz vor Weihnachten sei in einer Anwaltskanzlei die Hölle los, da viele Fristen am 31.12. abliefen und deshalb meistens erst am Mittag des Silvestertages die Uhren im Büro stillstünden. Seine Büroleiterin nahm in dieser Zeit ihren Resturlaub und ließ die anderen schuften. Ich fand das reichlich schäbig und riet ihm, das nicht mit sich machen zu lassen. Auf seine Frage, wer denn dann sein Büro leiten solle, rutschte mir in meinem jugendlichen Leichtsinn, ich war 31, heraus: „Na ich. Übergangsweise.“
Er stutzte und fragte: „Hast Du schon mal was mit Juristerei zu tun gehabt?“
Ich antwortete: „Beruflich? Nein. Ich habe Mathematik studiert, wie du weißt.“
„Ein Büro geleitet?“
„Noch nie.“
„Wenigstens schon mal in einem Büro gearbeitet?“
„Nicht eine Minute.“
„Aber Du kannst Du tippen, also auf dem Computer?“
„Klar, Zwei-Finger-System. Ist das denn wichtig? Du wolltest doch eine Büroleiterin und keine Schreibkraft.“
„Buchhaltung?“
„Weiß ich, dass es das gibt. Ich kann mit Menschen, mit jeder Art von Menschen. Ich vermag sie dort abzuholen, wo sie gerade sind. Und vor allem: ich bin die Königin des Chaos- und Chaoten-Managements.“
Denke ich zurück an dieses Gespräch, ist es mir noch immer unerklärlich, warum er sagte:
„Na dann, am 15.12., 08:00 Uhr in meiner Kanzlei.“
Ich habe ihn nie gefragt, warum er sich an diesem Abend so entschieden hat. Magie eben. Aus dem Date war ein Vorstellungs- bzw. Einstellungsgespräch geworden.
Nach diesem Abend meldete weder er sich bei mir noch ich mich bei ihm. Wir dachten wohl beide: Mal sehen, ob das ernst gemeint war.
Mein erster Tag
Am 15.12. pünktlich um acht Uhr, na gut, erst gegen halb neun, stand ich im Büro. Ich rechnete damit, gleich wieder nach Hause fahren zu müssen, denn, mal im Ernst, es wäre zu verrückt, zu abgefahren, wenn diese Schnapsidee wahr würde.
Seine Augen blitzten, als er mich im Eingang stehen sah. Dieses Mal nicht in Schlabberhose und Pullover, sondern in einem sehr figurbetonten, hellgrünen Kleid, mit offenen, frisch blondierten Haaren und hohen Schuhen.
„Schön, dass Sie da sind“, sagte er in einem reichlich beiläufigen Tonfall.
Das plötzliche „Sie“ irritierte mich.
„Ab morgen bitte pünktlich. Sie sind hier die Chefin, da nehmen sich alle anderen an Ihnen ein Beispiel“, sagte er weiter, und zeigte auf die Uhr im Eingang. „Ich benötige die Wiedervorlagen für diese Woche auf meinem Schreibtisch. Kümmern Sie sich bitte um die Verlegung des Gerichtstermins in Sachen Kowalski und vereinbaren Sie Besuchstermine in Wulkow für alle dortigen Mandanten. Der Mahnlauf müsste gemacht werden. Picken Sie die Forderungen heraus, die am 31.12. verjähren. Ach ja, treten Sie bitte Henke in den Hintern, dass der endlich seine Rechnung bezahlt. Die Formulare für die Kontovollmacht der Kanzleikonten und für das Ausstellen der EC-Karte liegen auf Ihrem Schreibtisch. Ausfüllen und dann persönlich mit Ausweis zur Bank bringen. Vergessen Sie nicht, die Kontoauszüge mitzubringen, die Umsatzsteuervoranmeldung muss raus. Da sind wir schon fünf Tage zu spät. Der linke Schlüssel auf dem Schreibtisch ist der für die Kanzlei, der rechte für meine Wohnung. Ihr Schreibtisch ist der in der Mitte.“
Er nickte in Richtung des Sekretariats und war kurz darauf erst in seinem Zimmer und dann gänzlich aus der Kanzlei verschwunden. Allerdings nicht ohne noch „Sehr schicke Schuhe!“ zu sagen.
Ich sah ihn die nächsten Tage nicht wieder. Er war durchgängig bei Gerichten. Entweder irgendwo im Land, wo er dann übernachtete, oder er kam erst in die Kanzlei, als alle schon lange Feierabend hatten.
Ich stand also kurz allein im Eingangsbereich der Kanzlei, beäugt von zehn Augenpaaren aus dem Sekretariat. Im Nachhinein finde ich meinen ersten Gedanken beim Blick ins Sekretariat reichlich absurd: Hier trägt niemand Blue Jeans. Was mich schon aus mathematischen Gründen der Wahrscheinlichkeit verwunderte. Ich wusste noch nicht, dass das Tragen von Blue Jeans in der Kanzlei strikt verboten war. Ebenso wie Flipflops, bauchfreie Shirts und Jogginghosen, mögen sie auch von Gucci, Chanel oder von welchem Designer auch immer sein.
Eine Frau, kaum älter als 20, kam auf mich zu. Sie bestand nur aus Augen und Brüsten und trug in ihrer doch recht strammen Figur ein hautenges, graues Strickkleid. Es kann aber auch ein längerer Pullover gewesen sein. Er oder es war kurz, sehr kurz, fast unanständig kurz. Streichen Sie das „fast“. Dazu verdammt hohe Schuhe. Hinter ihr kam ein zweites Mädchen aus der Tür. Im Minirock, mit endlos langen Beinen, die auf High Heels standen.
Beide strahlten mich erwartungsvoll an.
Kennen Sie das von den Pinguinen? Bevor die ins Wasser gehen, schubsen sie einen der ihren vom Felsen, um herauszubekommen, ob da nicht doch ein Seelöwe oder ein anderes Robbengetier herumschwimmt, um sie zu fressen. So wie diese Versuchspinguine wirkten die beiden, denn alle anderen warteten neugierig schauend im Sekretariat.
„Herzlich willkommen. Er hat uns gestern erst gesagt, dass heute unsere neue Chefin kommt.“
Die Zweite hatte wohl meinen ungläubigen Blick auf ihr Outfit bemerkt. „Wir sollten uns etwas Schickes anziehen, wenn wir es uns bei Ihnen nicht schon am ersten Tag verscherzen wollen.“
„Und da dachten Sie sich, ein zu lang geratener Pullover als viel zu knapper Rock und ein unanständig kurzer Minirock, jeweils kombiniert mit High Heels, seien im Dezember genau das Richtige?“, fragte ich ungläubig.
„Ja, er beschrieb Sie als Frau mit einem ... warten Sie, gleich fällt es mir wieder ein ... erlesenen Geschmack bei einem extravaganten Stil.“
„Mit ordentlich Dampf auf dem Kessel“, ergänzte die andere verschmitzt und unsicher auf ihre Schuhe schauend.
„Zum Schluss sagte er, Sie wären verrückt genug ...“
„Nein, verrückt sagte er nicht“, fiel die andere ihr aufgeregt ins Wort und stieß ihre Kollegin an der Schulter an, „durchgeknallt genug hat er gesagt.“
„Richtig, durchgeknallt genug, überzeugt davon zu sein, ihn in den Griff zu bekommen. Genau das, was wir eben hier bräuchten.“
Dann kamen beide ganz nah an mich heran und flüsterten, scheu in Richtung von Marnitz‘ Bürotür schauend:
„Stimmt es, dass Sie es als totale Beleidigung empfinden und wütend werden, wenn wir Ihnen helfen, sich hier zurechtzufinden?“
„Dieser Mistkerl!“, schoss es durch meinen Kopf. Ich schmunzelte vor mich hin.
Ja, Marnitz hatte den Schalk immer im Nacken. Zu den passendsten und unpassendsten Momenten.
Mein Ehrgeiz war dadurch aber nur umso mehr angestachelt. Dem würde ich es schon zeigen! So fragte ich die beiden auch nicht nach ihren Namen oder ließ mich herumführen. Ich fragte: „Was ist in Wulkow? Wer ist Henke? Und was ist verjähren?“
Wie ich zum Katerchen wurde
Ende Januar war ich nach einem Date auf dem Nachhauseweg und bemerkte, dass ich das Ladekabel für mein Handy im Büro hatte liegen lassen. Also machte ich, es muss schon gegen ein Uhr nachts gewesen sein, einen Umweg, um es zu holen. Als ich das Büro betrat, summte ich noch im Hochgefühl des guten Dates vor mich hin. Da stand er plötzlich in der Tür zum Sekretariat und sagte grinsend:
„Na, Sie schnurren wie ein kleiner Kater. War wohl ein netter Abend.“
„Doch, kann man sagen“, antwortete ich überrascht. Die Situation war mir peinlich. Hoffentlich fragt er mich jetzt nicht, ob ich nach unserem Date auch so durch die Gegend gegrinst habe.
„Allerdings sind Sie zu spät.“ Sein Blick war der eines Vaters, der seine Teenagertochter beim Hereinschleichen ins Haus erwischt.
„Zu spät?“, fragte ich. „Für was?“
„Also zunächst heißt es ´wofür´ und nicht ´für was´.“ Er schüttelte vorwurfsvoll, tiefe Enttäuschung ausdrückend, den Kopf. Das „Klugscheißer!“ konnte ich mir gerade so verkneifen.
„Wissen Sie nicht, wann anständige Mädchen … und Sie sind doch ein anständiges Mädchen, oder? … ins Bett gehen?“ Seine Miene war todernst.
Ich starrte ihn ungläubig an.
„Um sieben, damit sie um zehn zu Hause sein können.“
Mein Starren hörte nicht auf. Er grinste wie ein kleiner, vor seinem Geburtstagstisch stehender Junge.
„Gute Nacht, und ziehen Sie sich auf dem Nachhauseweg warm an. Nachts ist es da draußen kälter als tagsüber“, sagte er.
Ich wurde knallrot, denn ich hatte mich nach der Arbeit für mein Date nicht umgezogen, stand also in den Sachen vor ihm, in denen ich mich in den Feierabend verabschiedet hatte. Nur jetzt eben ohne Strumpfhose. Und das war ihm offensichtlich nicht entgangen.
Am nächsten Morgen begrüßte er mich vor versammelter Mannschaft mit „Guten Morgen, Katerchen.“
Er hat mich nie wieder anders genannt.