ZWEI SOLDATEN. ZWEI VERRÄTER. EINE WAHRHEIT.
"Ein ausgezeichneter Justizthriller! Hervorragend recherchiert, voller Beklemmung und atmosphärischer Tiefe. Eine anspruchsvolle Lektüre, die keinen kalt lässt." Lovelybooks-Rezension
Major Sascha Semjonow, gefeierter
Kriegsheld der Ukraine, bricht seinen Eid, um seine Familie zu retten. Zur gleichen Zeit flieht ein russischer Pilot nach einer blutigen Flucht in Hamburg und wird zum Spielball der
Mächte.
In den dunklen Fluren des Justizpalastes beginnt für die junge Staatsanwältin Isabell Steinmann ein Fall, der sie an die Grenzen des Gesetzes führt. Ihr Gegner: der legendäre Strafverteidiger
Tryggvi Marnitz, ein Mann, der die Regeln des Spiels neu schreibt. Während in den Gängen der Macht eine politische Verschwörung gesponnen wird, die bis in die höchsten Regierungskreise reicht,
entbrennt zwischen den beiden ein gnadenloser Kampf um Wahrheit, Ehre und die Frage, was schwerer wiegt: die Loyalität zu einem Eid oder zu einem Menschen.
Ein hochspannender Justizthriller, der die Grenzen
zwischen Gut und Böse neu verhandelt und zeigt, dass die gefährlichsten Lügen oft im Namen der Gerechtigkeit erzählt werden.
LESER MEINEN: “Meisterhaft aus dem Leben gegriffen. Die Charaktere sind
auf ihre persönliche Weise Helden, die zum Scheitern verurteilt sind.” (Lovelybooks)
Zwang, den du dir selbst auferlegst, um dem treu zu bleiben, was du liebst, unterscheidet sich nicht
von der Untreue.
François de La Rochefoucauld
Zwei Tage später steht Isabell Steinmann in der Tür des Schwesternzimmers der Station, auf welcher Semjonows Frau liegen soll. Mehrfach war sie bei Semjonows Haus, wollte das Gespräch mit ihm dort führen, doch zu keinem Zeitpunkt öffnete jemand. In den Abendstunden bei ihm zu klingeln, hielt Steinmann für keine gute Idee. Dieses Gespräch durfte nicht im Beisein der Kinder geführt werden. Am Telefon hatte sie erfahren, dass Semjonow jeden Morgen zu seiner Frau kommt und bis in die späten Nachmittagsstunden an ihrem Krankenbett bleibt. Deshalb entschloss sie sich, ihn im Krankenhaus zu befragen. Zumal die Zeit ja drängte.
Steinmann spricht eine Schwester an. „Guten Tag, können Sie mir bitte sagen, in welchem Zimmer Frau Semjonowa liegt?“
„Sie sind?“, fragt die Schwester.
„Staatsanwältin Steinmann. Ich möchte mit Herrn Sascha Semjonow sprechen. Der ist, wie ich annehme, im Zimmer seiner Frau.“ Steinmann hält ihren sie als Staatsanwältin ausweisenden Dienstausweis hoch.
Die Schwester macht zwei Schritte auf Steinmann zu. „Sie wollen also diesen armen Mann, der gerade seine Frau verliert, allen Ernstes zurück in den Krieg schicken?“
„Das ist noch nicht entschieden“, erwidert Steinmann, ein wenig überrumpelt vom Angriff der Schwester.
„Als ich ihn das erste Mal hier sah, waren bis auf die jüngste Tochter alle da. Katja ist mir über die Wochen hinweg besonders ans Herz gewachsen. Ich nahm sie immer mit in unser Schwesternzimmer, wenn sie ihre Mutter besuchte und in dieser Zeit Untersuchungen anstanden oder ein Arzt mit der Mutter oder den großen Kindern darüber sprach, wie es um ihre Mutter steht. Wissen Sie, was passierte an diesem Tag, als er plötzlich auf dem Gang stand?“ Schwester Dianas Augen funkeln böse. „Sie kam auf mich zugerannt und rief: ‚Schwester Diana, schau mal! Mein Papa ist nicht tot, er ist aus dem Krieg zurück!´ Das hat sie gerufen! ´Mein Papa ist nicht tot, er ist aus dem Krieg zurück´. Wann hat ein Kind in Deutschland so etwas das letzte Mal rufen müssen? ´Mein Papa ist aus dem Krieg zurück! Er ist nicht tot!´ Jeder, der das gehört hat, musste mit den Tränen kämpfen. Jeder! Und jetzt kommen Sie einfach so hierher und beabsichtigen, ihn zurückzuschicken. Ja, ich weiß, dass die Ukraine ihn wiederhaben will, weil er von der Front abgehauen ist. Sagen Sie mir bitte eines, Frau Staatsanwältin: Wie soll ich reagieren, wenn die Kleine in ein paar Wochen oder Monaten hierherkommt oder ich sie auf der Straße treffe und sie mir sagt: ´Schwester Diana, mein Papa ist gestorben, er musste doch zurück in den Krieg´? Soll ich ihr dann sagen, dass ihr Vater für eine größere Sache geopfert wurde als die, sich als Vater um seine Kinder zu kümmern? Und das umso mehr, falls auch die Mutter stirbt?“
Steinmann schluckt. Und schweigt.
„Zimmer 23“, sagt Schwester Diana und drängelt sich an Isabell Steinmann vorbei.
Zusammen mit der Dolmetscherin öffnet Isabell Steinmann die Tür zum Krankenzimmer von Semjonows Frau. Semjonow sitzt auf dem Stuhl neben dem Bett und liest ein Buch. Er schaut nach oben.
„Тепер це стає безглуздо. Через те, що не встиг парубок і каліка, посольство тепер присилає двох красунь? Ви можете врятувати себе від проблем! Йди геть!“ [1]
Die Dolmetscherin antwortet ihm. „Ми не з посольства. Це прокурор Штайнманн з прокуратури Гамбурга.“ [2] Sie wird in diesem Gespräch fortan jedes gesprochene Wort, gleich welcher Person, simultan übersetzen.
Semjonow bietet den beiden Frauen an, sich zu setzen.
„Guten Tag, Major Semjonow, unter anderen Umständen würde es mich sehr freuen, Sie kennenzulernen. Man begegnet nicht oft einem Helden. Ehrlich gesagt, ist es für mich das erste Mal“, begrüßt ihn Isabell Steinmann und reicht ihm die Hand. Semjonow zeigt sich im Hinblick auf die Heldenbemerkung unbeeindruckt. Steinmanns ausgestreckte Hand ignoriert er und sagt stattdessen: „Die Ukraine will mich also mit aller Macht wiederhaben. Wenn nicht freiwillig, dann so. Mithilfe der deutschen Justiz. Ich hatte nicht gedacht, dass sie so weit gehen.“
„Über das Warum kann ich nur spekulieren, Major Semjonow und eine Staatsanwältin spekuliert nicht“, sagt Steinmann.
„Lassen Sie das Major weg, Frau Staatsanwältin. Hier bin ich nur Semjonow.“
„Wollen wir nicht draußen sprechen?“, fragt Isabell Steinmann.
„Erstens weiche ich meiner Frau nicht von der Seite. Zweitens: Sie hört uns nicht. Wir werden das hier machen.“
„Wie Sie wünschen, Herr Semjonow. Ich bin als Staatsanwältin für die Bearbeitung des Auslieferungsersuchens der Ukraine zuständig und habe einige Fragen an Sie. Sie sind nicht verpflichtet, mir diese zu beantworten. Sie müssen nicht mit mir reden. Und Sie können jederzeit einen Rechtsanwalt beauftragen. In der Ukraine und auch hier. Haben sie das verstanden?“
Semjonow nickt.
„Wollen Sie einen Anwalt?“, fragt Steinmann nach.
„Was soll ich mit einem Anwalt? Den brauche ich nicht.“ Semjonow reagiert wie ein trotziges Kind.
„Ich empfehle Ihnen dennoch, sich anwaltlichen Beistands zu bedienen. Schon allein aus dem Grund, dass nur Ihr Verteidiger, nicht aber Sie selbst Akteneinsicht erhalten können. Und nur aus der Akte erfahren Sie im Detail, welche Beweismittel die Ukraine zur Untermauerung der Vorwürfe benennt.“
Steinmann wartet auf eine Reaktion Semjonows. Diese bleibt aus. „Gut, Ihre Entscheidung“, fährt Steinmann fort und denkt: Wer sich nicht helfen lassen will, dem soll auch nicht geholfen werden. „Erlauben Sie, dass ich unser Gespräch mitschneide? Ich möchte später daraus ein Protokoll Ihrer Befragung anfertigen.“
„Tun Sie, was immer Sie wollen. Die ukrainische Regierung will an mir ein Exempel statuieren. Sie sind doch nur deren Werkzeug und außerdem viel zu jung, um die Dinge nachvollziehen und verstehen zu können, um die es hier wirklich geht!“, sagt Semjonow patzig, fast schon aggressiv.
Das kann und will Steinmann nicht auf sich sitzen lassen. „Und außerdem eine Frau! Oder Major Semjonow?“
„Das habe ich nicht gesagt!“, erwidert Semjonow voller Trotz.
„Aber gedacht! Genau das haben Sie gedacht! Als Frau entwickelt man selbst in jungen Jahren ein Gespür dafür!“
Semjonow schaut betreten, ertappt auf den Boden.
Steinmann ist noch nicht fertig. „Ich bin niemandes Werkzeug, Major Semjonow. Weder meine Jugend noch mein Amt geben Ihnen das Recht, mich respektlos zu behandeln. Ich bin nicht Ihr Feind. Ich ermittle in diesem Sachverhalt, sammle Tatsachen, überprüfe solche, die uns aus der Ukraine übermittelt wurden, und werde dann einen Antrag an das Gericht schreiben, welches über den Auslieferungsantrag befindet. Wenn überhaupt jemand in diesem Fall objektiv ist, dann ist das die deutsche Staatsanwaltschaft, dann bin das ich! Wer, wenn nicht Sie, weiß, dass nichts, rein gar nichts ohne Konsequenzen bleibt.“
Semjonow hebt den Blick und schaut Steinmann an.
„Sie haben recht, Frau Staatsanwältin. Verzeihen Sie, ich sollte es besser wissen.“ Semjonow blickt auf seine Frau. „Wäre sie wach gewesen und das eben mitbekommen hätte, sie hätte mir so was von den Kopf gewaschen“, sagt er.
Steinmann geht zur Tagesordnung über. Nicht ohne in sich, mit ein klein wenig Siegesfreude, hineinzuschmunzeln. Steinmann schaltet das Diktiergerät ein und diktiert zunächst, dass sie Semjonow über seine Rechte belehrt hat. Dann legt sie es, mit dem Mikrofon in Richtung Semjonows, auf ihren Oberschenkel.
„Das deutsche Gesetz verpflichtet mich, Ihnen die Vorwürfe bekanntzugeben, die die Ukraine gegen Sie erhebt und auf welche das Auslieferungsersuchen gestützt ist. Dass Sie sich unerlaubt von Ihrer Einheit entfernt haben oder alternativ fahnenflüchtig geworden sind, ist nach deutschem Recht unbeachtlich. Das sind militärische Straftaten, auf die ein Auslieferungsersuchen nach internationalem Recht nicht gestützt werden kann.“
Semjonow folgt Steinmanns Ausführungen ohne Regung. Er schaut starr auf seine Frau.
„Aber. Die Ukraine hat in dem Auslieferungsersuchen mitgeteilt, dass Sie den von Ihnen befehligten Soldaten Glauben machten, Sie lösen eine sie tötende Explosion aus, wenn diese Ihr Verschwinden melden. Weiterhin sollen Sie die Wachen überwältigt, gefesselt und geknebelt und Ihnen Handgranaten…“
„Handgranatenattrappen“, wirft Semjonow dazwischen.
„Richtig, Handgranatenattrappen zwischen die Beine geklemmt haben. Entspricht dieser Sachverhalt den Tatsachen? Ist das so geschehen?“
„Ja, Frau Staatsanwältin. Das ist alles richtig. Das nennt ein Jurist Geiselnahme. Und darauf stehen in Deutschland mindestens 5 Jahre Gefängnis. Ich habe mich belesen. Körperverletzung kommt noch dazu.“
„Ja. Auch nach ukrainischem Recht ist das eine Geiselnahme und damit eine schwere, nichtmilitärische Straftat.“
„Das ist mir bewusst, und das war mir bewusst, als ich es tat. Auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass man das Geiselnahme nennt.“
„Und da liegt das, liegt Ihr Problem, Herr Semjonow. Fallen Straftaten der allgemeinen Kriminalität mit ausschließlich militärischen zusammen, dann kann, dann“, Steinmann betont das nächste Wort, „MUSS Deutschland ausliefern.“
„Was soll ich mit dieser Information anfangen, Frau Staatsanwältin? Da Sie keine Polizeibeamten mitgebracht haben, werden sie mich nicht verhaften und ins nächste Flugzeug gen Kiew setzen. Zumindest nicht heute. Wenn Sie das allerdings wollen, müssen Sie mich hier an den Haaren herausschleifen. Freiwillig werde ich meine Frau nicht verlassen. Ich will bei ihr sein, wenn sie die Augen öffnet oder sie für immer schließt.“ Semjonow sagt dies mit der Nüchternheit eines militärischen Kommandeurs.
„Ich weiß zwar, was Sie antworten werden, aber ich muss Ihnen diese Frage ganz formell stellen: Stimmen Sie einer Auslieferung im vereinfachten Verfahren zu?“
Semjonow antwortet. „Was immer ‚vereinfachtes Verfahren‘ bedeuten mag, ich stimme gar keiner Auslieferung zu.“
„Dann nehme ich das so zu Protokoll“, sagt Steinmann. Nach einem Moment des Schweigens fährt Isabell Steinmann fort. „Ich habe noch drei Fragen, Herr Semjonow.“
Bevor Steinmann diese stellen kann, öffnet sich die Tür des Krankenzimmers. Ein Mann in einem perfekt sitzenden grauen Glencheck-Anzug steht in der Tür. Steinmann prüft ihn in Sekundenbruchteilen. Das weiße Anzughemd reicht exakt bis zur Handwurzel und schaut einen Zentimeter aus dem Anzugärmel heraus. Der letzte Knopf der Knopfleiste an den Ärmeln des Jacketts ist offen, die orangefarbene Krawatte mit großen blauen, roten und grünen Punkten, perfekt gebunden. In der Sakkotasche steckt das passende Einstecktuch. „Wie albern ist denn diese Krawatte?“, denkt sich Isabell Steinmann, um einen winzigen Moment später sich bei dem Gedanken „Irgendwie passt das genau zu diesem Typen“ zu ertappen. Am Handgelenk trägt dieser Mensch eine Vintage-Glashütte-Uhr. „Ein Anwalt im Maßanzug. Schade, dass er keine Rolex trägt, dann wäre das Klischee vollkommen“, schießt es Steinmann durch den Kopf.
„Guten Tag, ich bin Rechtsanwalt Marnitz. Der Verteidiger von Herrn Semjonow.“ Die Stimme des Mannes ist bestimmt, aber freundlich. „Sie sind Frau Staatsanwältin Steinmann, nehme ich an“, sagt er weiter und reicht Steinmann die Hand. „Ihre Geschäftsstelle hat mir gesagt, dass ich Sie hier finde.“
Steinmann ist für einen Moment verwirrt und fragt sich, wo der denn plötzlich herkommt. Sie fängt sich jedoch rasch.
„Die Geschäftsstelle hat Ihnen gesagt, dass ich gerade Herrn Semjonow vernehme?“, fragt Steinmann verwundert.
„Reißen Sie den Damen nicht den Kopf ab. Wenn ich etwas wissen möchte, kann ich sehr überzeugend sein“, antwortet Marnitz und lächelt.
„Mag sein“, erwidert Steinmann. Sie bemüht sich um größtmögliche Distanz, ertappt sich dennoch bei dem Gedanken, dass wenn dieser Kerl 25, besser 30 Jahre jünger wäre….
„Verlassen Sie bitte das Zimmer, Herr Rechtsanwalt. Hier findet gerade eine Vernehmung statt. Sie sind nicht sein Verteidiger. Herr Semjonow hat mir vor wenigen Minuten erklärt, er habe keinen Anwalt und er möchte auch keinen. Deshalb, nochmals, bitte ich Sie…..“
Marnitz dreht sich zu Semjonow.
„Я должен сказать тебе: медведь не пролезает в дверь, и я должен заботиться о тебе.“ Semjonow huscht ein erstauntes Lachen durchs Gesicht. „Пожалуйста, передайте госпоже Штайнманн, что теперь я ваш адвокат“, fügt Marnitz hinzu.
Die Dolmetscherin flüstert Steinmann ins Ohr: „Er sagt, er solle Semjonow ausrichten, dass der Bär nicht durch die Tür passt. Man habe ihn gebeten, sich um ihn zu kümmern. Und Semjonow soll sagen, dass er ab jetzt sein Anwalt ist. Allerdings spricht er Russisch und nicht Ukrainisch.“
„Was bedeutet: Der Bär passt nicht durch die Tür? Ist das eine Redewendung? Und wer hat ihn gebeten?“, flüstert Steinmann zurück. Die Dolmetscherin zieht im Sinne von ´Ich habe keine Ahnung´ die Schultern hoch.
Semjonow wendet sich Isabell Steinmann zu. „Frau Staatsanwältin, ich möchte Ihnen meinen Anwalt vorstellen.“
Marnitz fügt hinzu: „Es ist mir eine Freude! Die schriftliche Vollmacht gebe ich Ihnen gleich.“ Er reicht Semjonow eines dieser typischen Vollmachtsformulare nebst Kugelschreiber. Dieser unterschreibt und reicht das Formular Isabell Steinmann, den Kugelschreiber gibt er Marnitz zurück.
„Gut, geklärt. Dann kann ich ja bleiben“, sagt Marnitz freundlich. Er geht auf die Dolmetscherin zu und reicht ihr die Hand. „Verzeihen Sie, ich hatte Sie noch nicht begrüßt. Verraten Sie mir Ihren Namen?“, fragt er.
„Maria Pawlitschenko, Herr Rechtsanwalt“, antwortet die Dolmetscherin.
„Was ist Ihre Muttersprache, Frau Pawlitschenko? Deutsch oder Ukrainisch? Oder vielleicht ja sogar beide?“
Isabell Steinmann hat das Gefühl, sich schützend vor die Dolmetscherin stellen zu müssen. „Frau Pawlitschenko ist eine durch das Landgericht Hamburg vereidigte Dolmetscherin. Glauben Sie, ich komme hier mit irgendwem her, den ich auf der Straße aufgelesen habe?“
„Frau Kollegin, ganz ruhig. Es war eine offene Frage und kein Angriff auf die fachliche Integrität von Frau Pawlitschenko und auf die Ihre ebenso wenig. Es gehört zur Sorgfalt eines Verteidigers, das zu fragen. Die Korrektheit von Übersetzungen kann Verfahren entscheiden, da stimmen Sie mir doch sicher zu. Eine missverstandene Redewendung, und schon kann aus einer vielleicht genervten oder flapsigen Bemerkung im Protokoll ein Geständnis werden. Habe ich alles schon erlebt. Auch bei gerichtlich vereidigten Dolmetschern.“
Steinmann ringt mit sich, ob sie diesen eitlen Kerl bewundern oder verachten soll. Der weiß doch bestimmt schon ganz genau, dass ich ein Frischling bin und keine Erfahrungen haben kann! Und nein, ein solcher Gedanke ist ihr noch nicht in den Sinn gekommen. Sie hat ohne Nachzufragen schlicht angenommen, dass die Person, die man ihr als Dolmetscher schickt, ihr Handwerk versteht.
Marnitz schaut die Dolmetscherin erwartungsvoll an.
„Meine Muttersprache ist Deutsch. Ich habe Sprachen, Slawistik studiert. Unter anderem zwei Jahre in Kiew“, sagt Frau Pawlitschenko.
„Aber einen Abschluss als Gerichtsdolmetscher, beispielsweise von der Fachhochschule Magdeburg-Stendal, haben Sie nicht?“
„Nein“, antwortet die Dolmetscherin. „Das hat mich in den zehn Jahren, die ich für die Staatsanwaltschaft und verschiedene Gerichte arbeite, auch noch niemand gefragt.“
„Ist hier und heute auch nicht so wichtig, denn die Frau Staatsanwältin hat ja die Befragung meines Mandanten mitgeschnitten“, sagt Marnitz und deutet auf das vor Isabell Steinmann liegende Diktiergerät. „Oder haben Sie nur die Übersetzung seiner Angaben ins Gerät diktiert?“
„Nein, nein“, antwortet Steinmann. „Das Gerät lief ununterbrochen mit.“ Steinmann nimmt das Diktiergerät in die Hand und sieht, dass die rote Diode für die Aufnahmefunktion noch immer blinkt. „Und tut es noch.“
„Na, dann ist doch alles gut und ich bin zufrieden. Sie werden die Datei sicher auf einen Stick ziehen und diesen der Akte beifügen.“
Hatte ich nicht vor, wollte es bei der Abschrift auf Deutsch belassen, aber danke für den Hinweis, sagt sich Isabell Steinmann und antwortet: „Selbstverständlich!“.
„Gut, Frau Staatsanwältin, vielleicht bringen Sie mich kurz auf den neusten Stand. Was hat die Befragung bislang ergeben?“
Steinmann beginnt unsicher: „Ich habe Herrn Semjonow zunächst belehrt.“
„Das hätten Sie nicht erwähnen müssen, Frau Kollegin. Das setzte ich voraus.“
Tust Du nicht, Du Arsch, willst mich nur in Sicherheit wiegen, denkt sich Steinmann.
„Dann habe ich Herrn Semjonow die Vorwürfe eröffnet, die die Ukraine in dem Auslieferungsersuchen gegen ihn erhoben hat. Ich habe ihm den Sachverhalt mitgeteilt und auch darauf hingewiesen, dass zwar wegen der Vorwürfe der Fahnenflucht oder des unerlaubten Entfernens eine Auslieferung ausgeschlossen ist, nicht aber wegen des Vorwurfs einer möglichen Geiselnahme. Herr Semjonow hat erklärt, dass die im Auslieferungsersuchen der Ukraine mitgeteilten Tatsachen richtig sind und er mit einem vereinfachten Auslieferungsverfahren nicht einverstanden ist.“
Marnitz wendet sich an Semjonow. „Правду ли сказал прокурор? [3]“
„Так, саме так“, antwortet Semjonow. Marnitz zieht die Augenbrauen hoch und macht eine Geste, dass er das nicht verstanden hat.
„Извините, это было на украинском языке. Да, именно так. [4]“ Jetzt nickt Marnitz und sagt in Richtung Isabell Steinmann: „Frau Staatsanwältin, als ich hier hinein geplatzt bin, wollten Sie drei Fragen stellen. Wenn Sie das immer noch möchten…“ Marnitz macht eine auffordernde Geste. „Stellen Sie sie, und ich werde meinem Mandanten eine Empfehlung geben, ob ich ihm zur Antwort rate oder nicht.“
Isabell Steinmann reagiert souverän. „Herr Semjonow, die erste Frage ist: Ist es in der Ukraine möglich, den Dienst an der Waffe zu verweigern, ohne bestraft zu werden, wenn man das tut?“
„Im Krieg? Als Soldat? Wie soll das denn gehen?“, fragt Semjonow.
Marnitz will etwas sagen, doch Steinmann kommt ihm zuvor. „So ungewöhnlich ist das gar nicht, Herr Semjonow. Im Zweiten Weltkrieg gab es einen Sanitäter, der als Soldat, nicht etwa als Zivilist, in der amerikanischen Armee diente, aus Glaubensgründen die Benutzung von Waffen ablehnte, direkt an der Front als Sani eingesetzt war und für seinen Heldenmut sogar die Medal of Honor bekam.“
Wow, die hat ihre Hausaufgaben erledigt, denkt sich Marnitz und sagt mit ehrlicher Bewunderung: „Respekt, Frau Kollegin. Respekt. Das weiß kaum jemand.
„Nein“, antwortet Semjonow, „diese Möglichkeit gibt es in der Ukraine nicht. Soviel ich weiß. Jedenfalls habe ich etwas Vergleichbares noch nicht gehört.“
Steinmann nickt. „Zweite Frage. Wollen Sie denn wieder zurück in Ihre Heimat, zurück in den Dienst für Ihr Land, in den Krieg?“
Semjonow, der gerade seiner Frau über die Wange streichelte, dreht sich zu Steinmann. Sein Gesicht drückt Verwunderung aus. Er wartet nicht auf einen Rat von Marnitz. Der greift auch nicht ein.
„Selbstverständlich! Was denken Sie denn! Es ist meine Pflicht als Soldat und als Ukrainer, mein Land zu verteidigen. Es ist nur eine Pause. Bis meine Frau geheilt oder gestorben ist. Es gibt Dinge, die auch in einem Krieg wichtiger sind. Als man mich zum Helden machte, mich nach Kiew beorderte, der Presse vorführte, ich über drei Wochen herumgereicht wurde, da ging es an der Front auch ohne mich! Warum nicht jetzt?“
„Sie lehnen es also nicht ab, sich wieder in einen Panzer zu setzen und zu kämpfen? Es wäre aus meiner Sicht keine Schande, jetzt den Dienst an der Waffe zu verweigern. Nicht nach alldem, was Sie erlebt haben.“
„Mir erschließt sich der Sinn Ihrer Frage nicht, Frau Staatsanwältin. Was versuchen Sie mir da einzureden? Nein, ich lehne das nicht ab!“
„Dritte Frage. Gibt es einen Anspruch auf Fronturlaub? Wenn ja, wo ist das geregelt? Und wie wurde das gehandhabt?“
„Die dienstlichen Regelungen zum Urlaub als Militärangehöriger wurden nach Beginn des Krieges ausgesetzt. Also nein, es gibt gegenwärtig keine Bestimmung, auf die sich ein Soldat berufen und Urlaub verlangen kann. Es steht im Ermessen der Kommandeure, ob und wie lange Urlaub gewährt wird. Ich kenne niemanden, der, solange er nicht verwundet wurde, seit Beginn des Krieges Urlaub bekommen hätte.“
„Auch nicht, wenn Truppen zur Erholung von der Front abgezogen wurden?“
„Nein, auch dann nicht. Dann werden die jeweiligen Verbände entweder an die Grenze zu Belarus verlegt, oder es geht direkt in Kasernen zur Ausbildung. Man hat die Gelegenheit, seine Familie zu sehen. Wenn sie dorthin kommen.“
Steinmann schaut nach dieser Antwort lange aus dem Fenster. Semjonow wieder zu seiner Frau.
In Isabell Steinmanns Kopf schießen die unterschiedlichsten Gedanken wild umher. Juristische Phrasen wie Gewissensfreiheit, Kriegsdienstverweigerung, Fluchtgefahr, Schwere der Straftat, Verbrechen, Schutz von Ehe und Familie. Diese Phrasen kollidieren mit Gedanken an Leid, an Verantwortung und Opferbereitschaft, an Pflicht und wie weit diese denn reicht, reichen kann und darf, an Schuld und das Gebot von Sühne. Sie denkt an die Todesangst der Soldaten, die stundenlang mit den Handgranaten zwischen den Beinen ausharren mussten. Das muss furchtbar gewesen sein. Die reinste Folter. Die beiden Seiten, die rationale und die emotionale, krachen unversöhnlich aufeinander und fördern die eigenartigsten Schlussfolgerungen zutage. Sie erinnert sich an ein Gespräch mit ihrer Großmutter. Vor Beginn ihres Studiums. Als sie ihr erzählte, dass sie Rechtswissenschaft studieren werde, um Staatsanwältin zu werden. Ihre Oma sagte damals: „Regeln sind wichtig. Sie durchzusetzen auch. Aber frage dich immer, was und wen die Regel schützt, schützen soll, bevor Du sie anwendest.“
„Herr Semjonow“, sagt Steinmann. Unsicher in der Stimme. Nicht, weil sie sich der Notwendigkeit des Stellens dieser Frage nicht sicher wäre. Sie fürchtet sich vor der Antwort, wenngleich fürchten in der Bedeutung dieses Verbs eine Spur zu groß ist. Semjonow reagiert nicht. „Herr Semjonow“, setzt Isabell Steinmann nochmals an, „bitte schauen Sie mich an.“ Bedächtig dreht Semjonow seinen Kopf. „Versprechen Sie mir bei Ihrer Ehre als Offizier und im Angesicht Ihrer Frau, dass Sie nicht fliehen, nicht untertauchen werden?“
Marnitz ist von dieser Frage überrascht, allerdings verrät nichts an seinem Verhalten, dass er mit einer solchen nicht gerechnet hat. Er interveniert. Bislang kommunizierte er mit Semjonow ausschließlich auf Russisch. Jetzt spricht er ihn auf Deutsch an. Die Staatsanwältin soll seinen Rat an Semjonow ohne Übersetzung hören. „Herr Semjonow, Ihre Antwort entscheidet darüber, ob die Staatsanwaltschaft einen Antrag stellt, Sie in Auslieferungshaft zu nehmen. Ich rate Ihnen dringend davon ab, diese Frage zu beantworten. Es ist besser, wenn wir das schriftlich darlegen.“ Erst danach sagt er das zu Semjonow auf Russisch.
„Hat er auf Russisch etwas anderes zu Semjonow gesagt als auf Deutsch?“, flüstert Steinmann der Dolmetscherin ins Ohr. Diese schüttelt den Kopf.
Semjonow beugt sich über seine Frau und küsst sie auf die Stirn, schmiegt seine Stirn an ihre Wange und sagt, ohne aufzublicken: „Frau Staatsanwältin, ich bin nicht vor dem Krieg geflohen. Ich habe mein Bataillon im Stich gelassen, um meiner Frau beizustehen und für meine Kinder fern der Heimat da zu sein. Sie haben nur noch mich. Keine Großeltern, keine Onkel, keine Tanten. Ich werde nicht fliehen, um meine Haut zu retten. Um die geht es mir nicht.“ Semjonow richtet sich auf und dreht sich zu Isabell Steinmann. „Ich bin kein Jurist, ich bin Panzerkommandant. Aber auch als solcher weiß ich, dass es für Sie ein Leichtes wäre, einen Richter davon zu überzeugen, dass es angesichts der möglichen Konsequenzen für mich, wahrscheinlicher sei, dass ich fliehe, als dass ich mich diesen Konsequenzen, den vielen Jahren im Gefängnis, stelle. Ich bewundere, und das meine ich gerade im Hinblick auf den Beginn unseres Gesprächs vollkommen ernst, Ihren Mut und Ihre Fairness, mir diese Frage zu stellen. Deshalb sage ich Ihnen mit meiner Ehre als Offizier und noch viel mehr mit meiner Ehre als Ehemann und Vater: Ich werde kämpfen, hierzubleiben, ich werde alles tun, um für meine Familie zu sorgen, aber ich schwöre Ihnen, dass ich nicht fliehen, mich nicht verstecken werde. Sie werden immer wissen, wo ich bin.“
Isabell Steinmann schaltet das Diktiergerät aus und steckt es in ihre Tasche. „Danke für das Gespräch, Herr Semjonow.“ Zum Abschied nickt sie Semjonow und Marnitz zu und verlässt zusammen mit der Dolmetscherin das Krankenzimmer.
Marnitz setzt sich auf einen der freigewordenen Stühle. „Schaffen wir es, uns auf Russisch zu unterhalten? Ansonsten besorge ich auch gern einen Dolmetscher.“
„Nein, nein“, sagt Semjonow, „das ist schon in Ordnung. Meine Schwiegereltern sind Russen. Da wurde und wird nur Russisch gesprochen. Außerdem hatte ich es die ersten Jahre in der Schule.“
„Wie steht es um Ihre Frau?“, fragt Marnitz.
„Es gibt noch keine sichere Prognose. Man hofft, ihr Körper regeneriert sich. Die Operation, die Komplikationen haben ihr übel mitgespielt. Diese heftige Reaktion hatte man nicht erwartet.“ Semjonow streichelt seiner Frau wieder über die Wange. „Aber auch wenn sie schläft, ich weiß, dass sie kämpft. Sie hat immer in ihrem Leben gekämpft. Aufgeben, das Wort kennt sie gar nicht. Ich wünschte nur, sie würde wissen, dass ich an ihrer Seite bin, dass ich hier bin und sie sich ganz auf sich konzentrieren kann, ohne sich um mich Sorgen zu machen. Das würde ihr noch mehr Kraft geben.“
Semjonow dreht sich wieder zu Marnitz. „Woher kennen Sie meinen alten Kommandeur Rokossowski? Er hat Sie doch geschickt, oder? Ich kenne sonst keinen, der den Satz ´Der Bär passt nicht durch die Tür´ verwendet. Bei jeder Gelegenheit hat er genau diese Redewendung in seinen Ansprachen laut durch den Saal gebrüllt.“ Semjonow schmunzelt. „Das letzte Mal habe ich ihn in einem Brigadestab bei den Kämpfen um Charkow gesehen. Ist er noch im Generalstab?“
„Das soll er Ihnen am besten einmal selbst erzählen“, sagt Marnitz und fragt: „Haben Sie während Ihrer Flucht Dinge getan, die gegen das Gesetz verstoßen? Also mehr als das, was im Auslieferungsersuchen steht. Diebstahl oder Ähnliches?“
„Fällt illegal mit einem Güterzug fahren und sich in einen Militärtransport schleichen darunter? Wofür ist das wichtig?“
„Hat Ihnen die Staatsanwältin erläutert oder gesagt, dass wegen rein militärischer Straftaten Deutschland nicht ausliefern darf, dass eine Auslieferung in diesem Fall durch die völkerrechtlichen Regelungen ausgeschlossen ist?“
„Ja, das hat sie.“
„Weil das so ist, geht die Taktik der Ukraine jetzt in eine andere Richtung. Dieses Verbot der Auslieferung gilt nämlich nicht, wenn darüber hinaus noch der Verdacht der Begehung anderer Straftaten im Raum steht. Das betrifft unter anderem solche Fälle, in denen sich Ukrainer durch Bestechung falsche Gesundheitszeugnisse beschafft haben, um damit ihre Ausreise zu ermöglichen. In diesen Fällen, so die hiesige Rechtsprechung, hindert weder das Auslieferungsverbot bei militärischen Straftaten noch die deutsche Verfassung in Form des Verbotes, dass niemand zu einem Dienst an der Waffe gezwungen werden darf, eine Auslieferung in die Ukraine. Es würde folglich nichts nützen, wenn sie jetzt sagten, sie verweigern den Dienst an der Waffe.“
„Die sind auch nicht doof! Aber warum machen die so einen Wirbel? Das verstehe ich nicht!“
„Die können, genauer gesagt, konnten gar nicht anders. Dass mittlerweile Ihr Verschwinden und auch die Umstände öffentlich bekannt sind, wissen Sie. Oder?“
Semjonow nickt.
„Es totzuschweigen, das ging nicht. Im Krieg ist die Moral das Dreifache aller anderen Faktoren, sagt Napoleon. Damit hatte er recht. Ihnen fällt Ihre Bekanntheit jetzt auf die Füße. Wären Sie nur ein einfacher Panzerkommandant unter tausenden anderen gewesen, hätte kein Hahn danach gekräht. Aber so….“ Marnitz schüttelt den Kopf. „Das wird keine einfache Schlacht, Major.“
„Hätten Sie nicht auch so wie ich gehandelt?“
„Major Semjonow, Sie werden von mir keine Absolution erteilt bekommen“, antwortet Marnitz schnell.
„Was werden Sie denn jetzt tun, Herr Marnitz? Kann, soll ich etwas tun?“
„Zunächst zu Letzterem. Sie reden ab sofort mit niemandem mehr über Ihre Flucht. Mit keinem Polizisten, keinem Staatsanwalt, keiner deutschen Behörde, keinem Vertreter der ukrainischen Regierung.“
„Die waren schon da“, wirft Semjonow dazwischen. „Boten mir an, dass ich nicht bestraft werde, wenn ich zurückkomme. Das war allerdings, bevor die Meldungen über meine Flucht in den Zeitungen standen.“
„So wütend Sie auch sein mögen, so sehr Sie sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen wollen, reden Sie in Gottes Namen niemals mit der Presse, dem Rundfunk und/oder dem Fernsehen! Wir müssen den Ball hier flachhalten. Es darf in Deutschland keine öffentliche Diskussion über Ihren Fall geben. Das wäre unser beziehungsweise Ihr Tod. Metaphorisch gesprochen.“
„Warum?“, fragt Semjonow.
„Deutschland ist in der Frage der Unterstützung des Krieges tief gespalten. Wir haben hier eine mittlerweile sehr erstarkte Partei, die genau das für ihre Zwecke ausnutzen wird. Und das nicht in Ihrem Sinne. Ich möchte unsere Regierung, die alles andere als einen stabilen Eindruck macht, nicht in eine Situation bringen, in der diese sich öffentlich positionieren muss. Denn wenn das geschieht, muss die ukrainische Regierung sich zu den deutschen Positionen erklären. Das gibt dann eine Spirale, die nicht beherrschbar ist. Das setzt dann wieder die Gerichte unter Druck. Wir müssen erreichen, dass Ihr Verfahren unter dem Radar fliegt.“
„Verstehe ich“, sagt Semjonow und verschweigt Marnitz bewusst, welche Verachtung ihm mittlerweile durch manche seiner Landsleute hier in Hamburg entgegenschlägt.
„Ich werde mir die Akten von der Staatsanwaltschaft holen und wenn ich die kenne, entwerfen wir einen Schlachtplan. Ach so, tun Sie bitte nichts, was man als Vorbereitung einer Flucht verstehen könnte. Kaufen Sie keinen Koffer, buchen Sie keine Fahrkarten, sprechen Sie mit niemandem über Reisepläne jeglicher Art usw. Gehen Sie davon aus, dass Sie überwacht werden. Von den Deutschen und den Ukrainern.“
„Das wissen Sie oder vermuten Sie es?“, fragt Semjonow.
„Sagen wir, ich rechne damit.“
„Major Semjonow, sollte etwas sein, dann bin ich der erste, den Sie anrufen. Egal was, rufen Sie an!“ Semjonow nickt.
Marnitz steht vom Stuhl auf und will zur Tür gehen. Semjonow hält ihn am Ärmel von Marnitz’ Sakko zurück.
„Werden die mich zurückschicken?“, fragt er.
Marnitz fällt es ersichtlich schwer zu antworten. „Ja, Major Semjonow, das werden sie. Ich fürchte, ich kann Ihnen nur so viel Zeit wie möglich verschaffen. Auch wenn ich versuchen werde, das Blatt zu wenden.“
„Danke für Ihre Ehrlichkeit, Herr Anwalt“, sagt Semjonow.
Beide Männer stehen sich schweigend gegenüber. „Ich würde gern wissen, wie es meinen Männern an der Front geht. Ich traue mich nicht, eine Nachricht zu schicken. Könnten Sie das machen?“
„Halten Sie das für eine gute Idee, Major Semjonow?“, erwidert Marnitz.
Semjonow schaut nach unten und schüttelt den Kopf.
„Ich mache mich auf den Weg“, sagt Marnitz. „Mal sehen, ob ich Frau Staatsanwältin Steinmann noch erwische. Verzeihen Sie mein sicher sehr fehlerhaftes Russisch. Ich bin etwas aus der Übung. Sobald ich mehr weiß, melde ich mich. Ihre Telefonnummer habe ich.“
Semjonow und Marnitz geben sich die Hand. Marnitz legt noch seine Visitenkarte auf den Tisch und verlässt das Krankenzimmer.
[1] Jetzt wird es albern. Weil ein Jüngling und ein Krüppel es nicht geschafft haben, schickt die Botschaft jetzt zwei schöne Frauen? Sie können sich die Mühe sparen! Verschwinden Sie!
[2] Wir kommen nicht von der Botschaft. Das ist Staatsanwältin Steinmann von der Staatsanwaltschaft Hamburg.
[3] Stimmt das, was die Staatsanwältin sagte?
[4] Entschuldigung, das war Ukrainisch. Ja, das stimmt.