Special Edition 2025
2. Erweiterte Neuauflage

Was haben ein Papagei mit Nazi-Tourette, eine schwarz lackierte Kuh und ein evangelischer Pastor im Clownskostüm gemeinsam?

Sie alle sind Protagonisten in den unglaublichsten, aber wahren Fällen aus dem Alltag des Strafverteidigers Veikko Bartel. Wenn Sie dachten, deutsche Gerichtssäle seien Orte trockener Paragraphenreiterei, dann haben Sie dieses Buch noch nicht gelesen. Vergessen Sie fiktive Fernsehdramen! Hier öffnet einer der bekanntesten Strafverteidiger Deutschlands seine Akten und gewährt einen tiefen Einblick in die bizarrsten Abgründe der Justiz. Mit tiefschwarzem Humor und beißendem Sarkasmus erzählt Veikko Bartel von Mandanten, die absurder nicht sein könnten, von Ermittlungspannen, die einem die Lachtränen in die Augen treiben, und von Situationen, in denen man nur noch fassungslos den Kopf schütteln kann.

Erleben Sie hautnah mit:

  • Warum ein Papagei namens „Goebbels“ der Hauptbelastungszeuge in einem Verfahren wegen Volksverhetzung war.
  • Wie eine ganze Armada von BMWs für ein Gutachten an toten Kühen zerschellt, nur weil die Polizei bei nassem Gras keine nassen Füße bekommen wollte.
  • Wieso ein Anruf bei einer Telefonsex-Hotline einen entscheidenden Hinweis in einem Fall von Bandendiebstahl lieferte.
  • Und weshalb die unglückliche Kostümwahl eines Pastors zu einem Polizeieinsatz und einem Fahndungsfoto mit Schuhgröße 71 führte.

 

Diese und viele weitere authentische Geschichten zeigen: Die Realität ist oft komischer, tragischer und absurder als jede Fiktion. Begleitet werden die Anekdoten von den kongenialen, farbenfrohen Illustrationen des Leipziger Künstlers Michael Fischer-Art.

Ein Muss für alle, die schwarzen Humor lieben und endlich wissen wollen, was in deutschen Gerichtssälen wirklich los ist. Warnung: Kann zu unkontrollierbaren Lachanfällen und einer nachhaltigen Erschütterung des Glaubens an die Vernunft führen!

Leseprobe

 

Goebbels

 

Mein Mandant Klaus, mit dem ich bis zu seinem viel zu frühen Tod eng befreundet war, war ein feiner Kerl. Allerdings hatte er eines Tages ein Problem. Die Nachbarn hatten ihn angezeigt. Er würde in seinem Haus, gelegen in einer dieser Gegenden, in denen die Hecken mit der Nagelschere geschnitten werden, permanent „Heil Hitler“ und „Sieg Heil“ brüllen. So laut, dass die gesamte Nachbarschaft in den Genuss dieser historischen Wiederaufführung kam.

Die Staatsanwaltschaft, alarmiert durch die noblen Adressen der Zeugen und einem reißerischen Artikel in der Lokalpresse, leitete mit dem Eifer von Inquisitoren ein Ermittlungsverfahren wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gegen meinen Freund ein.

Klaus kam mit dem Anhörungsbogen und dem Zeitungsartikel in mein Büro. Ich kannte den Grund für die Rufe und sagte ihm: „Klaus, die Wahrheit können wir denen unmöglich schriftlich auftischen. Das glaubt uns kein Mensch. Wir brauchen eine andere Strategie. Demonstration durch lebendes Objekt.“

Ich rief den zuständigen Abteilungsleiter bei der Staatsanwaltschaft an, einen Oberstaatsanwalt, mit dem ich schon so manchen Strauß ausgefochten hatte. „Ich muss Ihnen in der Sache XY ein entlastendes Beweismittel präsentieren“, sagte ich am Telefon. „Aber das geht nur persönlich. Eine Tatrekonstruktion in Ihrem Büro.“

Er willigte neugierig ein.

Ein paar Tage später fuhren Klaus und ich zur Staatsanwaltschaft. Mit im Gepäck: ein großer Käfig, der mit einem Tuch verhüllt war. Wir betraten das Büro des Oberstaatsanwalts, stellten den Käfig auf seinen wuchtigen Schreibtisch und zogen mit einer dramatischen Geste das Tuch herunter.

Darin saß ein großer Graupapagei. Er beäugte den Staatsanwalt mit seinen kleinen, intelligenten Augen, plusterte sein Gefieder auf und krächzte dann mit einer Lautstärke und einer Stimmfarbe, die der meines Mandanten verblüffend ähnelte: „SIEG HEIL! HEIL HITLER!“ Und dies mehrfach, ohne Unterlass.

Der Oberstaatsanwalt erstarrte. Seine Kinnlade klappte herunter. Er starrte abwechselnd auf den Papagei, auf mich und auf Klaus.

Klaus beugte sich zum Käfig und blaffte den Vogel an: „HALTS MAUL, GOEBBELS!“

Der Papagei verstummte augenblicklich.

Klaus erzählte dem immer noch fassungslosen Staatsanwalt die Geschichte. Der Vogel, der nur auf den Namen „Goebbels“ hörte, hatte einer kürzlich verstorbenen, sehr alten Dame aus einem seiner Mietshäuser gehört. Eine Dame, die ihre politische Gesinnung seit 1945 offenbar nicht mehr aktualisiert hatte. Bei der Wohnungsauflösung wollte niemand den Papagei haben. Kein Tierheim, kein Zoo. Also hatte Klaus ihn aufgenommen.

Der Oberstaatsanwalt lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er schloss für einen Moment die Augen, rieb sich die Schläfen, als hätte er plötzlich Migräne. Dann öffnete er sie wieder, blickte auf den Papagei, der ihn nun unschuldig anzwinkerte, und sagte mit der trockensten Stimme, die ich je von ihm gehört habe: „Herr Kollege, nehmen Sie Ihren… Zeugen… und verlassen Sie mein Büro. Und sorgen Sie dafür, dass er bis zur endgültigen Klärung der Sache keine Interviews gibt.“

 

Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Aus Mangel an menschlichen Tätern.

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