Großmutters Schwarm

Geboren wurde ich im Babyboomjahr 1966 auf dem Gang der Entbindungsstation eines Karl-Marx-Städter Krankenhauses. Es waren gerade Nordische Skiweltmeisterschaften. Beim Training von der Großschanze stürzte der Schwarm meiner Großmutter Veikko Kankkonen, den sie allerdings niemals traf, schwer. Spontan entschied sie als Patriarchin der Familie: Wenn es ein Junge wird, so wird er Veikko heißen! Wobei man noch nicht einmal so richtig wusste, wie man den Namen schreibt.

Kirche & Schloss Schwarzenberg
Kirche & Schloss Schwarzenberg

Aufgewachsen, in den Kindergarten, zur Schule gegangen, das Abi gemacht - das passierte dann allerdings ein klein wenig südlicher. Nämlich in Schwarzenberg im schönen Erzgebirge mit seinem über der Stadt thronenden Schloss und seiner gleichsam alles überstrahlenden Kirche, in der ich übrigens einen der peinlichsten Momente meines Lebens zu überstehen hatte.

Wie jeder Junge in Schwarzenberg begann ich zeitgleich mit der Einschulung mit dem Biathlon. In den siebziger und achtziger Jahren gehörte es zum normalen Stadtbild Schwarzenbergs, dass sechs, sieben, achtjährige Jungs mit einem Gewehr auf dem Rücken drei bis fünf Mal die Woche zum Training marschierten. Ich habe allerdings nie wirklich was beim Biathlon gerissen. War nicht mein Sport.

Stolzes Veilchen

Der Handball dagegen schon. Ich war ziemlich stolz, als ich das erste Mal das furchtbar lilafarbene Trikot der BSG Wismut Aue überstreifen durfte und die Zuschauer in der alten Handballhalle auf dem Zeller Berg meinen Namen brüllten.

Nach dem Abi im Sommer 1984 wurde ich Berufssoldat und blieb es bis Februar 1990.

Nachdem ich 2 Monate in Sanssouci als Museumsführer gearbeitet hatte, trieb ich ab April in diesem Gebäude (fast) täglich mein Unwesen. An der Freien Universität Berlin studierte ich Rechtswissenschaften und ging schon sechs Semester später ins I. Staatsexamen, ein Kamikazeunternehmen, was glücklicherweise mit fast 12 Punkten erfolgreich verlief. Danach noch das Referendariat beim Kammergericht.

Freie Universität Berlin
Freie Universität Berlin

Von der Wurst zur Robe

Nebenbei arbeitete ich im ICC Berlin als Kellner, verkaufte in der Waldbühne und der Messe Berlin Getränke und Würstchen, wurde über Nacht plötzlich Geschäftsführer einer Wohnungsverwaltungsgesellschaft und hatte in einem aus Bamberg nach Berlin "immigrierten" Rechtsanwalt einen grandiosen Lehrer. 1996 war ich fertig mit allem und konnte mir endlich die Robe überstreifen.

Glaube an Gerechtigkeit

Am 01.04.1999 ging dann der Traum einer eigenen Kanzlei in Erfüllung.

Hatte ich in den Anfangszeiten als Rechtsanwalt vor allem mittelständische Unternehmen betreut, so glitt ich jetzt immer mehr ins Strafrecht ab. Und das blieb so, bis ich Ende 2011 die Robe endgültig auszog.

Freispruch für Holger Hellblau
Freispruch für Holger Hellblau

Heute unterrichte ich an einer Berliner Hochschule Steuerrecht und versuche zudem als Dozent Wissen im Verfassungs- und Verwaltungsrecht zu vermitteln.

Musik & Schrift

Ach so, Musik begleitet mich schon fast mein ganzes Leben. Im Gegensatz zu einem meiner besten Freunde hatte ich nie den Mut, daraus einen Beruf zu machen. Dafür fehlte mir sicher das letzte Quäntchen Talent. Aber - 2006 wären wir, um ein Haar für Island zum Eurovision Song Contest (ESC) gefahren. Es sollen ganze 11 Stimmen gewesen sein, die uns damals fehlten. Ich wäre vor Lachen nicht in den Schlaf gekommen, glaube ich.

Vor 2 Jahren habe ich begonnen, die Begegnungen mit meinen Klienten aufzuarbeiten - niederzuschreiben.«



Ein Interview mit Studenten zu meinen Büchern

Ich unterrichte angehende Verwaltungsfachangestellte im Verfassungs- und Verwaltungsrecht und versuche zudem Studenten einer Berliner Universität die Geheimnisse der Besteuerung von Personengesellschaften und der Immobilienbesteuerung näher zubringen. Ich habe meinen Schülern und Studenten von den „Mörderinnen“ erzählt, ihnen einige Auszüge vorgelesen. Es sind ihre Fragen.

Wann haben Sie sich entschieden, die Geschichten Ihrer Fälle aufzuschreiben und warum?


Die Absicht, dies zu tun, trug ich schon sehr viele Jahre in mir. Aber wie das mit so vielen Dingen ist, Absichten werden vom Stress des Alltags zum Frühstück verschlungen. Ich ärgere mich schon sehr darüber, dass viele Episoden dem Vergessen zum Opfer gefallen sind. Vor zwei Jahren hielt mir einer meiner Söhne einen Zeitungsartikel über ein Mordverfahren unter die Nase und fragte mich, ob ich „so was“ tatsächlich verteidigt hätte. In diesem Presseartikel wurde aus meinem Plädoyer als Verteidiger des aus dem rechten Spektrum stammenden Angeklagten ausführlich zitiert. Ein gar übler Fall.  Ich hatte an dieses Verfahren, in dem es nach dem Artikel ziemlich hoch her gegangen sein muss, nicht die geringste Erinnerung. Das war dann der Auslöser. Ein Kampf gegen das Vergessen sozusagen.

In der aktuellen Vorschau des Verlags heißt es „Frauen morden anders“. Ist das wirklich so?


Empirischen Studien habe ich natürlich nicht angestellt. Mir scheint indes bisweilen - Frauen morden tödlicher. Und irgendwie begründeter. In gewisser Weise auch hinterhältiger. Die Anlässe sind viel diffiziler, ausgereifter als das bei den Männern der Fall wäre.

Sie haben in so vielen grausamen Gewalttaten verteidigt, haben in so viele menschliche Abgründe gesehen, die sich der „normale Mensch“ noch nicht einmal ausdenken könnte. Können Sie Menschen noch als etwas Positives empfinden? Hat diese „böse Welt“ auf Ihre Sicht des Menschen irgendwie abgefärbt?


Ich denke, dass man als Strafverteidiger einen geradezu sentimentalen Glauben an das Gute im Menschen braucht. Es mag verschüttet sein, vielleicht nur noch ein Rudiment, aber das Gute ist da, in jedem.

Ein Staatsanwalt hat vor vielen Jahren einmal zu mir gesagt, ich sei einerseits ein eiskalt berechnendes und knallhartes Aas, auf der anderen Seite aber ein der Wirklichkeit entrückter Träumer, wenn ich an eine gute, eine barmherzige, eine gütige Seite meines Mandanten glaubte und dafür eintrat, meinen Mandanten eben nicht nur vor dem Hintergrund seines von ihm begangenen Verbrechens zu definieren.

Ich war, ich bin und werde es immer sein - ein großer Fan von Märchen. Am Ende siegt das Gute. Was wäre das für eine Welt, in der wir nicht genau daran glaubten?

Kann man als Strafverteidiger Beruf und Privatleben strikt trennen oder nimmt man die Arbeit mit nach Hause?


Die Arbeit als Strafverteidiger hat immer Auswirkungen auf die Familie. Zum einen ist man ständig unterwegs, Montag München, Dienstag Rostock, Mittwoch Neuruppin, Donnerstag Frankfurt, Freitag Hamburg. Samstag und Sonntag saß man über Revisionsbegründungen und/oder Beweisanträgen. Solche Wochen waren keine Seltenheit. Dann die Anrufe am Wochenende oder in den Nachtstunden aus irgendeinem Polizeigewahrsam. Die Nächte, in denen ich Verfahrensakten mit teilweise sechsstelligen Seitenzahlen las, ich habe sie nicht gezählt.

Meine Kinder wurden in der Schule auf Pressemeldungen, auf Fernsehberichte angesprochen, wenn sich Papa wieder einmal im Fernsehen oder in der Zeitung schützend vor einen Mandanten gestellt hatte. „Ist das nicht Dein Vater, der diesen ......“. Erklären Sie mal einem sechs-, sieben-, achtjährigen Kind, was ein Strafverteidiger macht und warum er mehr für diese bösen Menschen da ist, als für seine Kinder. Ich war immer ein klein wenig neidisch auf die Maurer-, Zimmerer-, Klempner- oder Dachdeckerväter, die mit ihren Kindern durch die Stadt gehen konnten und sagen: Schau´ mal, dieses Haus hat Papa gebaut.

 

Es gab auch Verfahren, in denen es zu ganz konkreten Drohungen gegen meine Familie kam, sollte es mir gelingen, „dieses Tier aus dem Knast holen.“

 

Hier eine kleine Kostprobe:

Sehr geehrter Herr Bartel,
gelänge es Ihnen, Ihren Mandanten vor einer gerechten Strafe, die eigentlich nur der Tod sein könnte, zu bewahren, löschen wir Ihre Familie aus, so wie Ihr Mandant das mit seinen Opfern getan hat. Mit Ihren Kindern werden wir beginnen.
Mit freundlichen Grüßen«


Ich habe von solchen Schreiben einen ganzen Ordner voll. Dieser Brief war allerdings der sprachlich eleganteste.
Schlussendlich, den Kopf kann man ohnehin niemals ausschalten.

Eine Frau, die ihr Baby tötet, es dann zwei Tage lang kocht und anschließend in die Toilette schüttet, ein Auftragsmörder, der 18 Menschen kaltblütig umbringt, ein NPD Mitglied, der erst den Imbisswagen eines Vietnamesen abfackelt, dann einen Dönerladen anzündet und damit den Tod der Bewohner einen ganzen Hauses in Kauf nimmt – wie kann man sich schützend vor solche Menschen stellen?


Würden Sie mich das auch fragen, ginge es um ihre Mutter, ihre Tochter, ihre Frau, ihren Mann, ihren Bruder, ihren Sohn, ihre beste Freundin oder ihren besten Freund?

Sie saßen viele Stunden mit Ihren Mandanten in Besprechungszimmern. Hatten Sie jemals Angst vor Ihren Mandanten?


Nicht ein einziges Mal. Das sind ja keine Monster, die einem dort gegenüber sitzen. Keine Menschen, die nur darauf warten, das nächste Opfer umzubringen. Es sind Menschen wie jeder andere auch. Die meisten sind, ob dem, was sie getan hatten, erschüttert, beschämt, von tiefen Schuldgefühlen geplagt. 

Das sind auch nicht durchweg düstere Gespräche im Schatten des Fegefeuers zwischen Anwalt und Mandant. Mit einem mutmaßlichen Auftragsmörder, dem man neben 16 anderen Tötungsverbrechen einen Doppelmord zu Last legte, stritt ich mich trefflich darüber, ob die klassische Musik auf Chopin, Schumann, auf die Romantiker schlechthin nicht hätte verzichten können oder ob der philosophische Ansatz von Aristoteles nicht schon zum Zeitpunkt seiner Entstehung überholt war.

Kannten sie immer die wahre Geschichte der Taten Ihrer Mandanten?


Ob ich sie immer kannte? In allen Fällen? Nein, ich denke nicht. Obgleich ich jedem Mandanten sagte, dass ich die Wahrheit wissen will und muss. Wie sollte ich sonst eine erfolgversprechende Verteidigungsstrategie erarbeiten ohne Gefahr zu laufen, dass diese mir während des Verfahrens um die Ohren fliegt? Ich muss doch wissen, was ich einen Zeugen fragen kann und was ich ihn auf keinen Fall fragen darf.

Recherchiert man im Internet, so stößt man auf viele Verfahren, in denen Sie Angeklagte aus dem rechten politischen Spektrum verteidigt haben. Spielte die politische Überzeugung Ihrer Mandanten eine Rolle, ob Sie Mandate annahmen oder eben nicht? Ich meine, wenn man Sie in den Vorlesungen erlebt, dann ist ja nicht zu überhören, dass Ihr Herz sehr weit links schlägt.

Ich habe einmal ein Plädoyer mit folgenden Worten begonnen: „Es gibt ein Adjektiv, welches meinen Mandanten an treffendsten beschreibt – zutiefst widerlich. Äußerlich. Wie auch in seiner Seele. Ein Schmarotzer vor dem Herrn, er betrügt seine Frau, schlägt seine Kinder, er bescheißt selbst seinen besten Freund, hält Auschwitz für die Erfindung einer jüdischen Weltverschwörung, grölt bei jeder Gelegenheit ´Deutschland, Deutschland über alles´ und streckt dabei den rechten Arm gen Himmel. All das hat die Beweisaufnahme ohne jeden Zweifel ergeben. Die Staatsanwaltschaft wurde nicht müde, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen. Kurzum, ein Mensch, dem ich, wäre er nicht mein Mandant, noch nicht einmal aus Anstand die Hand zur Begrüßung reichen würde. Aber was, hohes Gericht, hat das alles mit seiner Schuld in dem hier angeklagten Fall der Anstiftung zu einem schweren Raub zu tun?“

Jeder Mensch hat das Recht auf Verteidigung. Nicht auf irgendeine, sondern auf eine Verteidigung, die diesen Namen auch verdient. Das anders zu sehen, hieße, sich auf eine Stufe mit Roland Freisler zu stellen, der jeden Versuch einer Verteidigung niederbrüllte. Man verteidigt den Menschen, nicht die Tat. Dieses Recht aus weltanschaulichen Gründen, egal ob von links oder rechts, einzuschränken, das ging mir schon immer gegen den Strich. Wie auch jede Art von Vorverurteilung. Mich hat das eher herausgefordert, als mich von der Übernahme solcher Mandate abzuhalten. Was ich allerdings nie geduldet habe, wenn ein Mandant den Gerichtssaal als Bühne für seine von Hass und Neid erfüllte braune Weltanschauung nutzt. Aber ich gestehe, als ich dies das erste Mal in einer Zeitung las, hat mich das schon arg getroffen.

Im Internet findet sich auch der Veikko Bartel als Musiker. Was hat es damit auf sich?


Nun ja, Musiker ist sicher zu hoch gegriffen, eher fortgeschrittener Amateur, aber wahrscheinlich noch nicht einmal fortgeschritten.  Ich mache seit  - Gott bin ich alt - 30 Jahren Musik. Ich habe bewusst nie Lieder vor dem Hintergrund eines ganz speziellen Falles geschrieben. Und doch, rückblickend, scheint es mir so, als dass meine Texte genau von solchen beeinflusst sind. 

Wird es in Ihren Lesungen dann auch Musik von Ihnen geben?


Das kann sehr gut möglich sein. Ja, ich denke, das wird es.

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