Lindenblüten

Die Zeit der Lindenblüte. Jahr um Jahr zieht mich ihr Duft in den Bann. Er begrüßt mich jeden Morgen, wenn ich aus dem Haus gehe. Er begleitet mich den ganzen Weg zum Bahnhofs des Dorfes, in dem ich lebe. Er empfängt mich, steige ich nachmittags aus dem Zug aus Berlin und ich schlafe mit ihm ein. Es ist ein Duft, der meine Sinne umschmeichelt, mich träumen, mich entfliehen lässt. In die Zeit meiner Kindheit. Ich ertappe mich ein ums andere Mal bei völlig unsinnigen Gedanken. Nämlich zurückzukehren in diese Zeit, allerdings mit der heutigen Lebenserfahrung, mit der heutigen Gelassenheit, mit dem heutigen  Blick auf die Dinge. Ich weiß, das ist müssig und wenig zielführend. Aber ist es gleichwohl nutzlos?

Vor meinem Elternhaus standen zwei riesige Linden. Da war zwar weder ein Brunnen noch ein Tor, und doch gehörte "Am Brunnen vor dem Tore" zu meinen Lieblingsliedern. Die Frühlingserlebnisse meiner Kindertage waren von der steten Wiederkehr der Vegetationzyklen geprägt. Anfang März, wenn sich der Schnee so langsam verkroch, gefühlt war es im Erzgebirge 13 Monate Winter und danach kam gleich der Herbst, begann der Huflattich zu wuchern, zumeist an steilen, steinigen Hängen. Also machten wir uns, meine Mama und meine Geschwister, auf den Weg, Huflattichblüten zu sammeln. Die ganze Wohnung war dann voll davon. In jeder Ecke, auf jedem Fensterbrett, in jedem Regal lagen auf Zeitungspapier ausgebreitete Blüten zum Trocknen. Huflattich hat einen ganz eigenen Geruch, nicht unangenehm, indes mehr als einzigartig. Die ganze Wohnung war erfüllt davon. 39 Mark gab es für ein Kilogramm getrocknete Blüten, die dann per Paket ins "Drogenkontor Bergen" geschickt wurden. Ein nicht unerhebliches Taschengeld, wenngleich, ich gestehe,  meine Motivation und die meiner Brüder sich arg in Grenzen hielt. Wir tobten lieber mit dem Ball im Park, so dass meine Mama zumeist alleine loszog.

War die Huflattichsaison vorbei, blieb nur eine kurze Pause bis zur nächsten Sammelaktion. Die Lindenblüten. Da gab es sogar 42 oder 45 Mark für ein Kilogramm getrockneter Blüten. Nun sammeln sich Lindenblüten um einiges beschwerlicher als Huflattich. Das ging nur mit Leitern und Kletterhilfen. Wenn ich zurückdenke, müssen meine Eltern diesbezüglich ziemlich schmerzfrei gewesen sein. Ich mag mir nicht vorstellen, dass eines meiner Kinder fünf, sechs, zehn Meter über dem Boden ohne jede Sicherung  in einem Baum herumklettert und Lindenblüten in Stoffbeutel stopft. Ich würde tausend Tode sterben. 

Bevor ich den Satz, den ich als Kind immer hasste, schreibe "Das waren ja auch noch andere Zeiten!", nehme ich lieber noch einen tiefen Zug des gerade durchs offene Fenster hereinwehenden Dufts der Lindenblüten und schließe für heute.

App. schmerzfrei. Eines Tages, ich muss so zehn oder elf gewesen sein, vielleicht auch schon zwölf, klingelte der ABV (Abschnittsbevollmächtigter, also der Dorfpolizist) namens Dieter Scheffler an unserer Tür. Mein Vater öffnete:

"Du Hans-Dieter," sagte er zu meinem Vater, "sag mal Deinem Großen, dass das aufhören muss mit den Sprengungen." 

Nachdem unsere Versuche mit Karbid ausgereizt waren, hatte ich mit einem Freund kilogrammweise Schwarzpulver hergestellt und im nahen, von Feldwänden durchzogenen Wald, diverse Testreihen gefahren. Wir wollten uns eine eigene geheime Höhle in den Fels sprengen. Die Reaktion meines Vaters mir gegenüber war: "Der Scheffler Diet´war da. Hör auf, irgendwelche Sachen in die Luft zu jagen." So endete unser Traum Batman und Robin des Erzgebirges zu werden. Es waren eben doch andere Zeiten!